Die schöne Möhre Tunicht Gut

Die schöne Möhre Tunicht Gut

Ein verstörendes Reimlein mit Gemüse (einem)

Die schöne Möhre Tunicht Gut,
tat was Möhren eben tun.

Mit krausem Grün gen blauem Himmel,
und lock’rer Wurzel auf dem Boden,
stürzt sie sich ins bunt‘ Gewimmel,
hat großen Spaß, ganz ungelogen!

Doch läuft der Mörder Schnipp Schnapp rum,
und ist dabei so gar nicht dumm.

In Verkleidung einer Gurke lang,
um die Polente zu verwirren,
ist ihm weder Angst noch Bang,
Was sollt‘ denn schon passieren?

Da sieht der Schnapp die Möhre geh’n,
und hat flugs seinen Schnipp da steh’n.

Es ist wohl Liebe auf den ersten Blick,
ein warm‘ Gefühl, das sich ausbreitet,
sehnt‘ er sich heiß nach diesem Fick,
Das die Möhre auf ihm reitet.

Also spricht der Schnapp die Möhre an,
und empfiehlt sich ihr als starker Mann.

Das macht die Tunicht zügig schwach,
sehr zu Schnapps ganz große Freude,
denn so läge sie bald  flach,
es wär ’ne ziemlich geile Beute.

Und beide suchen sich ein stilles Eck,
um dort zu sein so ziemlich nett.

Nach der Tat denkt sich der Schnapp,
von Beruf halt Mörder aus Passion,
wie bekomme ich diese Gut ins Grab?
ach, das ergibt sich schon.

Doch da spürt der Schnapp im Herz den Stich,
denn einer schönen Möhre traut man nicht.

Die Tunicht Gut hat’s Messer gezogen,
und in den Schnapp tief reingestochen,
ihn um die Mörder Tat ganz fies betrogen,
und er hat es nicht gerochen.

Da liegt der Mörder tot im Blut,
und die Tunicht fühlt sich richtig gut.

Mit einem Liedchen auf den Lippen,
die Straße führt nach Hause runter,
lässt sie ihre Hüften wippen,
und ist dabei so ziemlich munter.

Die schöne  Möhre Tunicht Gut,
die liebend gerne meuchelt,
tat was Möhren eben tun,
und sei ’s auch nur geheuchelt.

Copyright (c) 2014 by Günther Lietz, all rights reserved

Alles neu

Hey, alles glänzt, so schön neu

Peter Fox, Alles Neu vom Album Stadtaffe

Nach einer ziemlichen langen Durststrecke durch die Wüste der Einfallslosigkeit, auf dem treuen Kamel Kopfleer und in Begleitung des edlen Wüstenfalken Blindflug, habe ich die Oase Vorgeschobener Grund erreicht.

Die Datenbank wurde aktualisiert, der Blog bekam ein neues Design und nun scheint es schöner und leichter zu sein, fliegende Gedanken einzufangen und im Internet der Allgemeinheit vorzuführen. Gedanken fernab meiner anderen Beschäftigungen, die sich vor allem auf meinem Rollenspielblog Taysals Abenteuerland wiederfinden. Gedanken zur Zeit, zur Kunst und zu Personen und Persönlichkeiten.

Ob sich was wie und wo und wann auf diesem Blog einfindet, das wird die unwägbare Zukunft erweisen. Die Bemühungen und Absichten zeichnen sich ab, aber so vergänglich wie ein Himbeereis in der Sonne, inmitten einer Meute hungriger Kinder, mitten im Sommer, bei dreißig Grad im Schatten – und es gab kein Mittagessen …

Wir lesen uns

miree Limone-Thymian – alles (Frisch)käse?

Eine kleine und handliche Packung ist es, die da im Kühlregal steht und mit den Worten „Neu – nur für kurze Zeit“ um Aufmerksamkeit bettelt. Die Plastikverpackung sieht ansprechend aus, also rein damit in den Einkaufskorb.

Das Öffnen funktioniert problemlos. Den Plastikdeckel entfernen und die Folie an der Lasche nach links wegziehen. Mit fettfreien Fingern kein Problem. Die Frischkäsezubereitung sieht fluffig und cremig aus. Kein Wunder, sie ist ja auch mit Stickstoff aufgeschlagen.

Dem Auge gefällt was es sieht. Ein heller Käse mit einem leicht grünlichem Strich und vielen grünen Punkten. Das sieht nach frischen Kräutern aus. es duftet auch sehr lecker – frisch nach Limetten und Thymian. Auch der Geschmack hält, was Verpackungsfoto, Aussehen und Geruch versprechen. Die Frischkäsezubereitung hat eine angenehme Säure und der Thymian sorgt für ein passendes, fein balanciertes Kräutererlebnis.

Der Geschmack ist sehr ansprechend und ich kann mir die Frischkäsezubereitung auch sehr gut als Kochzutat vorstellen. Auf der Seite des Herstellers gibt es ein Rezept für Wraps. Zugegeben, es ist ziemlich anspruchslos, aber vor allem an heißen Sommertagen ist die kühle Frischkäsezubereitung erfrischend.

Die Zutaten sind angenehm überschaubar. „miree Limone-Thymian“ ist kein reiner Chemiecocktail, sondern bietet auch genug Natürlichkeit. Zugegeben, Zucker, Brantweinessig, Verdickungsmittel Johannisbrotkernmehl, Guarkernmehl und Stickstoff sind nicht so toll, ebensowenig wie die Plastikverpackung. Aber im Vergleich zu anderen Produkten dieser Art, ist die Frischkäsezubereitung beinahe schon natürlich zu nennen.

Die Energiebilanz ist ebenfalls in Ordnung. Durch die Fluffigkeit ist die Versuchung groß das Brot oder Brötchen etwas dicker zu bestreichen. Ich würde zwei bis drei Brote oder Brötchen auf die Packung rechnen. Bei angepeilten ~250 kcal/~11g Fett/~2,5 KHE/6g Eiweiß wird es auf eine Scheibe Brot oder ein Brötchen hinauslaufen, was für ein Basisfrühstück in Ordnung ist. Etwas grünen Salat, eine kleine Tomate und heißen Manana-Tee („Meßmer Asiatischer Manana – Ginkgo-Citronengras“, von Meßmer), so kann der Tag beginnen.

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miree Limone-Thymian

Nur für kurze Zeit – von April bis September
e135g
Zutaten: Frischkäse, 5 % Zubereitung Limone / Limette (18 % Limettensaft, Zucker, Salz, Gewürze, Limettenextrakt, Branntweinessig), Thymian, Verdickungsmittel Johannisbrotkernmehl und Guarkernmehl, Stickstoff zum Aufschlagen.

Nährwerte per 100 g im Mittel:
Energie: 1052 kJ / 255 kcal
Eiweiß: 5,5 g
Kohlenhydrate: 4 g
Fett: 24 g

http://www.miree.de/528.php (Produkt)
http://www.miree.de/534.php (Rezeptidee)

Sommerliche Rezensionen und Besprechungen

Da habe ich meinen kleinen Blog doch übel vernachlässigt, was ich ehrlich bedauere. Das muss sich unbedingt wieder ändern und ich gelobe Verbesserung. Den Anfang mache ich mit einem längst überfälligen Update zu meinen Rezensionen.

Bei den herkömmlichen Spielen lief es die letzten Monate etwas mau. Irgendwie sind die Rollenspiele in den Fokus gerückt, obwohl es spielemäßig einige echte Knaller gab. Die Schlachten von Westeros finde ich ziemlich gut, obwohl die Qualität der Figuren zu wünschen übrig lässt. Was ich oft und gerne gespielt habe, ist übrigens Nightfall, ein richtig tolles Deckbau-Kartenspiel. Kann ich nur empfehlen!

Gleiches gilt für Korsaren der Karibik, das ich sehr gerne mag. Allerdings braucht das Spiel seine Zeit. Einige Stunden sollten schon eingeplant werden. Das Gilt auch für Villen des Wahnsinns, das einen doch recht zwiespältigen Eindruck hinterließ. Meine Rezi erklärt, warum genau.

Bei den Büchern war ich etwas fleißiger. Erst einmal fange ich da mit Savage Worlds: Gentlemen’s Edition – Revised an, dem neuen Grundregelwerk zu Savage Worlds. Da bin ich ziemlich aktiv. Unter anderem habe ich den ersten Platz beim Abenteuerwettbewerb gewonnen (irgendwann soll die ersten Plätze auch gedruckt werden), habe Schiffspläne für das kommende Sundered Skies Kompendium erstellt und ein bin für eine geplante Sundered Skies Abenteuer Anthologie der Hauptautor. Hoffentlich wird das Teil so gut, wie ich mir das vorstelle.

Für Savage Worlds habe ich dann auch noch das Fantasy-Kompendium besprochen. Ist zwar auch gut, aber das Buch ist leider etwas veraltet. Gilt auch für das Hellfrost – Spielerhandbuch, das zudem auch noch schrecklich lektoriert ist. Angenehmer ist da sicherlich KAGwarts – Raus aus der Kammer des Schreckens zu lesen, jedenfalls für eine spaßige Einlage unter Freunden.

Geleitet und somit gespielt habe ich Die Höhle des Ungezieferkönigs, ein Hellfrost-Abenteuer. Sehr unterhaltsam. Filmperspektiven- Filmanalyse für Schule und Studium ist dagegen für den intellektuellen Bereich. Sehr informativ und schön geschrieben. Mir fehlen da aber Kapitel zum modernen 3D-Kino. Schuldig – Die dunklen Fälle des Harry Dresden 8, ist jetzt was ganz anderes, nämlich Prosa. Und zwar verdammt unterhaltsame Prosa. Ist mein Lesetipp für diesen Artikel!

Für Shadowrun stand dann noch das Konzerndossier an. Richtig schick, wie fast alle Shadowrun-Bücher von Pegasus. Was mich aber wirklich geflasht hat, ist das Marvel Heroic Roleplaying. Ich mag narrative Rollenspiele, weiß aber durchaus, dass ich da in kleiner Gesellschaft unterwegs bin. Und mit Superheldencomics als Thema, da wird die Gesellschaft noch kleiner. Wer das aber mag, muss sich das Buch einfach zulegen. Es ist übrigens ziemlich günstig.

Mit Rippers ist eine weitere Settingübersetzung auf dem Markt. Schwächelt ebenfalls im Lektorat und ich habe es schon mit dem englischsprachigen Buch gespielt. Das Setting selbst macht richtig Laune, die deutsche Überarbeitung knirscht. Und was auffällt ist, dass es einfach an einem urdeutschen Setting mangelt. Hier sollte sich der Verlag Prometheus Games mal was einfallen lassen. Ich stände derzeit zur Verfügung und habe sogar schon einige Konzepte eingereicht.

Den Abschluss der Buchrezensionen macht Das Janus-Elixier – Rettungskreuzer Ikarus Band 8, ein Roman von Irene Salzmann. Sie hat mir einige Exemplare zur Verfügung gestellt, also nutze ich die Gelegenheit auch weidlich aus.

Filme habe ich so einige gesehen und zu manchen eine Rezi verfasst. Den Anfang macht Real Steel, ein durchschnittlicher Film. Kann man sehen, muss man aber nicht.

Spannender war da die Box von The Prisoner – Der Gefangene (Komplette Serie). Also die Serie ist wirklich toll, aber man muss mitdenken. Ziemlich anspruchsvoll, vor allem vom Handwerklichen her. Das gilt auch für Dame, König, As, Spion, der einen ziemlich tollen Stil hat.Ist aber sicherlich kein Film für die breite Masse.

Das sieht bei Marvel’s The Avengers ganz anders aus. Der Film ist wirklich super und ich kann den Streifen jedem ans Herz legen. Super!

Jetzt aber wieder kurz zum Heimkino. Da hatte ich Sea Patrol – Staffel 1 und Sea Patrol – Staffel 2 im Spieler. Ich muss sagen, die Serie gefällt mir richtig gut. Mal was anderes als der US-Brei.

Das gilt auch für Doctor Who – Staffel 5.1 und Doctor Who – Staffel 5.2. der neue Doktor hat zwar die schwächeren Drehbücher, aber trotzdem noch immer gut. Vor allem die Darsteller. Nur an den Geschichten, da muss noch etwas geschraubt werden.

Zurück zum Kino (ach wie sprunghaft ich doch bin) und mal zwei aktuelle Filme unter die Lupe genommen. Von beiden bin ich doch arg enttäuscht und hatte mir mehr erwartet: Prometheus – Dunkle Zeichen und The Dark Knight Rises waren auf keinen Falls das, was hätte sein können oder sogar müssen. Ist eher was für ’nen TV-Abend.

Schlachten von WesterosNightfallKorsaren der KaribikVillen des Wahnsinns

Savage Worlds: Gentlemen\'s Edition RevisedSavage Worlds: Fantasy KompendiumSavage Worlds - Hellfrost SpielerhandbuchHellfrost - Die Höhle des Ungezieferkönigs

FilmperspektivenSchuldigShadowrun - Konzerndossier

Marvel Heroic RoleplayingSavage Worlds - RippersDas Janus-Elixier

Real SteelThe Prisoner - Der GefangeneDame, König, As, SpionMarvel\'s The Avengers

Sea Patrol - Staffel 1Sea Patrol - Staffel 2Doctor Who - Staffel 5.1Doctor Who - Staffel 5.2

PrometheusThe Dark Knight Rises

Von Eltern, Kindern und Piraten

Nach der vorläufigen logischen Abschaffung meines Fernsehgerätes und der Konzentration auf mediale Inhalte via Internet (1), habe ich die Muße gefunden mir die ein oder andere Sendung, und dazu die ein oder andere Meinung, anzuschauen, anzuhören und durchzulesen. Dabei ist mir vor allem das Piratenpartei-Gebashe ins Auge gesprungen. Man kann Piraten nun alles möglich andichten – und das wird auch gerne getan.

Mal ganz von den Fehlern und Unzulänglichkeiten dieser jungen Partei abgesehen, hauen die alten Parteien, die sich gerne „etablierte Parteien“ nennen, ordentlich drauf und bemühen dabei auch erschöpfend ihre Freunde und Verwandten. Dabei ist mir aufgefallen, dass es hier offensichtlich nicht um einen Konflikt der Ideologien gibt. Tatsächlich haben wir einen klassischen Generationenkonflikt, in dem die Piraten nur das umsetzen, was ihnen beigebracht wurde.

Sei stets ehrlich, offen und freundlich zu jedem. Gehe niemals bei rot über die Straße und akzeptiere andere, lerne von ihnen und tu keinem weh, wir sind alle gleich. Das sind im Grunde genommen die Verhaltensregeln, die Eltern ihren Kinder beibringen – und diese Verhaltensregeln selbst gerne auch mal außer acht lassen. Dumm nur wenn die Eltern dabei erwischt werden. Und noch dümmer, wenn die Kinder diese Verhaltensregeln im späteren Leben konsequent umsetzen.

Und genau das ist mit den Piraten passiert. Sie sind die nächste Generation der Politik. Die Alten haben den Jungen das Laufen beigebracht, in diesem Sinne die Möglichkeiten der Demokratie. Blöd, wenn die eigenen Kinder dann in eine unerwünschte Richtung laufen, aus der Familie ausbrechen und sich neue Freunde suchen. Die Alten sitzen dann alleine daheim, es kommen immer weniger Freunde zu Besuch, irgendwann macht dann der letzte das Licht aus. Das macht Angst; und Angst sorgt für Wut.

Die Alten wollen den Nachwuchs dirigieren, denn sie sind ja so erfahren, haben alles schon mal erlebt und wissen, wie es richtig geht. Rücksicht auf andere, bei rot stoppen und niemandem weh tun? Junge, setz‘ die Ellbogen ein und gib Gas, sonst bringst du es zu nichts im Leben! Respekt und Akzeptanz, Mädchen können alles was Jungs können und andersherum. Quatsch! Mädchen, hast du schon einen Freund und wie sieht es mit Enkeln aus?

Das funktioniert leider gar nicht. Die Alten sehen ihre Felle davonschwimmen und haben deswegen beschlossen, sich ihren Kindern anzugleichen und deren Freunden anzubiedern. Die Alten werden zu den coolen Eltern. Internet? Können wir auch. Twitter? Auch im Winter. Facebook? Ich poste meinen Stuhlgang. G+? Plus was? Und wie im echten Leben, solche Eltern sind einfach peinlich. Hipp angezogen, am besten noch im Familylook, dazu mit den Kids auf die Tanzfläche, zeigen wie toll man ist und Ahnung von cooler Mucke hat („Jo, Bro, ich höre AC/DC und Aerosmith.“). Ähm, hm, ja …

Sich mit dem Nachwuchs auseinanderzusetzen, die Meinung der Jungen zu akzeptieren und einfach loszulassen, das fällt den Alten schwer. Ins Grab fahren sie trotzdem irgendwann. Man sollte sich, wenigstens im Guten, an sie erinnern können …

(1) „Gottschalk live“ ist in der ARD-Mediathek zwar noch immer lame, aber trotzdem flotter als mit Werbung und Wetter im Original. Tipp: Die Sendung vom 18. 04. 2012 mit Anke Engelke und Fürstin Gloria von Thurn und Taxis. So kontroverse Gäste und Tommy hat es trotzdem versaut (Thema „Zwangsheirat“).

Das Licht in der Finsternis – Eine Geschichte aus dem Mythos

Das Licht in der Finsternis

Eine Kurzgeschichte
nach Motiven von
H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos
von
Günther Kurt Lietz

Es war ein lausig kalter Tag. Eigentlich zu kalt, um rauszufahren und einen Cache zu heben. Jenen kleinen Schatz, den andere Geocacher irgendwo versteckt hatten und den es zu suchen galt. Michi war neu in dem Hobby, aber mit Feuereifer bei der Sache. An seinem letzten Urlaubstag wollte er nach einem Cache im Westerwald suchen. Das Ländliche gefiel ihm und er mochte auch die Abgeschiedenheit. Studienkollegen aus der Gegend hatten ihm den Cache als einfach beschrieben.

Die Temperaturen lagen unter dem Gefrierpunkt und Michi war froh, dass es im Auto angenehm warm war. Er fuhr die B414 entlang, setzte den Blinker und bog nach Links ab. „Bad Marienberg“ stand auf dem Schild. Für einen kurzen Halt blieb keine Zeit. Vielleicht auf der Rückfahrt, wenn überhaupt. Das kleine Kurstädtchen sah im Sommer sicherlich reizend aus, aber jetzt wirkte alles frostig und einsam. Einige Minuten später war Michi bereits durch Bad Marienberg durchgefahren. Noch zwei Dörfer lagen auf seiner Route, dann musste er sich in Richtung Stöffelpark halten.

Michi trat plötzlich auf die Bremse, wurde nach vorne geworfen und anschließend in den Sitz gepresst. Vor ihm trollte sich gemütlich eine Katze über die Straße, das Auto ignorierend, als gehöre ihr die Welt. Dumme Katze, dachte Michi und fuhr wieder an. Sein Herz pochte. Beinahe hätte er das Tier überfahren. Der Gedanke setzte ihm zu. Immerhin mochte er Tiere. Besonders Katzen.

Das Navigationssystem leitete ihn noch einige Minuten weiter, dann erreichte Michi einen kleinen Parkplatz. Er stellte das Auto ab, stieg aus und mache erst einmal ein paar Kniebeugen. Die Fahrt war anstrengend gewesen und in den Rücken gegangen. Die zwar kalte, aber dennoch frische Luft tat gut.

Michi nahm seine Sachen vom Rücksitz und zog sich erst einmal Jacke, Mütze und Schal an. Dann nahm er sein GPS-Gerät in die Hand und den kleinen Rucksack auf den Rücken. Schnitzeljagd mittels moderner Annehmlichkeiten – die Gegenwart war einfach schön bequem. Michi lächelte beim Blick auf das GPS. Bis zum Cache war es zwar ein Stück in den Wald hinein, aber dennoch schien der Weg gut gangbar.

Es war still zwischen den Bäumen. Absolute Ruhe. Die Natur schwieg, befand sich regelrecht in einem Kälteschlaf. Nur der Atem von Michi war zu hören, während er sich regelrecht über den gefrorenen Boden arbeitete. Der Weg war anstrengender als angenommen.

Gerade als Michi über einen umgefallenen Baum kletterte, gab das GPS-Gerät einen merkwürdigen hohen Ton von sich. Er zuckte zusammen und sah irritiert auf das GPS. Das Display zitterte und die Anzeigen veränderte sich. Merkwürdige Symbole waren für einen Augenblick zu sehen, dann kehrten die normalen Angaben zurück.

Irritiert sah sich Michi um. War das eine Fehlfunktion des Gerätes? Er schwenkte das GPS in einem weiten Bogen. Sobald er es in eine bestimmte Richtung hielt kam der hohe Ton wieder auf. Diese Störung würde ihn beim Geocachen sicherlich stören. Außerdem nagte die Neugierde an Michi. Er würde nur zu gerne wissen, was für diese Störung verantwortlich war.

Also kletterte Michi zurück über den Baumstamm und wechselte die Richtung. Er würde der Sache auf den Grund gehen. Unterwegs schwenkte er noch mehrmals das Gerät umher. Und stets kam der hohe Ton auf, wenn das GPS in eine bestimmte Richtung wies. Michis Neugierde nahm zu. Sein Herz klopfte heftig vor angenehmer Aufregung.

Und dann war Halt. Stopp. Ende. Michi stand vor einer Felswand, die steil emporragte und den weiteren Weg versperrte. Er sah noch oben und war sauer. Er würde bei dieser Kälte auf keinen Fall versuchen hochzuklettern. Er richtete das GPS nach oben und es gab keinen Mucks von sich. Langsam fuhr Michi mit dem Gerät wieder nach unten und der hohe Ton meldete sich zurück. Und erneut flammten diese unbekannten Symbole auf.

Michi legte das GPS zur Seite und suchte die Wand ab. Hinter einigen Büschen stieß er auf einen dunklen und feuchten Spalt. Hier ging es scheinbar weiter. Michi zog sein Smartphon aus der Tasche und schrieb eine SMS an seinen Studienkollegen: „Hi Yannic. Habe was Merkwürdiges entdeckt. GPS spielt verrückt. Ich gehe der Sache auf den Grund. Fühle mich wie Schliemann. lol“

Das Smartphone wanderte zurück in die Tasche. Michi nahm das GPS wieder zur Hand und zwängte sich in den Spalt hinein. Zuerst glaubte er, doch nur eine Sackgasse gefunden zu haben, dann öffnete sich der Spalt abrupt und Michi stolperte in einen Gang hinein. Vielleicht ein Überbleibsel aus dem Krieg, dachte er. Oder der Gang gehört zu einem alten Steinbruch.

Als Geocacher hatte Michi immer eine Taschenlampe dabei. Der Lichtstrahl fraß sich regelrecht durch die Finsternis. Der Gang führte weiter als gedacht. Vorsichtig tastete sich Michi weiter, immer auf den unebenen Boden achtend und sich an den Wänden abstützend.

Die Felswände waren dunkel, fast so, als würden sie das Licht aufsaugen. Michi beobachtete auch, dass die Taschenlampe flackerte, sobald er sie längere Zeit auf einen Punkt richtete. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus. Am liebsten würde er umdrehen und den Gang wieder verlassen, nach Hause fahren und sich ins Bett legen. Es war eine merkwürdige Art von Angst, die ihn ergriff.

Michi atmete durch, schloss die Augen und zählte innerlich bin Zehn. Er musste rational an die Sache herangehen. Was konnte ihn hier schon erwarten? Vielleicht ein Fuchs oder ein Hase? Michi öffnete die Augen und ging entschlossen weiter. Ein dunkler Gang würde ihm keine Angst einjagen.

Noch immer gab das GPS diesen hohen Ton von sich, wenn Michi es nach vorne ausrichtete. Es war, als würde es einem Leitstrahl folgen. Da änderte sich der Ton in ein lautes Summen, einem Schwarm Bienen gleich. Nur um einiges bedrohlicher. Michi stoppte augenblicklich und sah auf das GPS. Die Anzeige veränderte sich und in schnellem Tempo rasten wieder diese fremdartigen Symbole über das Anzeigenfeld.

Michi schüttelte das Gerät und mit einem Mal war es still. Die Anzeige erlosch. Das Gerät war aus oder gar kaputt. Michi versuchte es neu einzuschalten, aber sein Versuch war vergebens. Er steckte das Gerät weg. Mit der Taschenlampe strahlte er weiter in den Gang hinein, über den Boden, die Decke und die Wände. Und irgendetwas war da. An den Felsen. Eine Reflexion?

Langsam tastete Michi mit dem Lichtstrahl die Felswand ab. Tatsächlich. Diese fremdartigen Symbole waren auch auf den Felsen. Je länger er sie mit seiner Taschenlampe anstrahlte, um so heller wurden die Symbole – und um so dunkler wurde der Lichtstrahl. Die Sache war ihm unheimlich, viel zu unheimlich. Und dann erfüllte ein schriller, wogender Ton den Gang, eine schaurige Disharmonie in schmerzenden Wellen! Michi riss die Hände hoch und presste sich die Fäuste auf die Ohren. Der Ton schmerzte ihn. Und dann war mit einem Male Stille!

Michi drehte sich zum Ausgang um. Er wollte nur noch weg. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals und Schweiß stand ihm auf der Stirn. Das Licht der Taschenlampe wurde wieder heller und in ihrem Schein entdeckte Michi die nächste Schaurigkeit: Von der Decke des Gangs troff eine schleimige Flüssigkeit zu Boden, sammelte sich dort und nahm Form an. Sie lief nicht auseinander, wie Wasser es täte, sondern wuchs in die Höhe. Und je länger Michi mit panischem Blick das Licht der Taschenlampe auf den Schleim hielt, um so schwächer wurde das Licht. Er zitterte am ganzen Körper, doch er war unfähig sich zu bewegen oder gar wegzurennen.

Das schwache Restlicht flackerte ein letztes Mal, dann ging die Taschenlampe aus. Es gab nur noch Finsternis.

ENDE

Copyright © 2012 by Günther Lietz

Der Twist – Der kleine Montagskrimi

Der Twist

Als die Türe zu meinem Büro aufschwang, rechnete ich zuerst damit in den Lauf einer Maschinenpistole zu blicken oder einen Baseballschläger zu küssen. Immerhin ist die Liste meiner Feinde ziemlich lang und mit der Miete bin ich ebenfalls im Rückstand. Wie immer. Wer ich bin? Mein Name ist Catch McGee. Meine Feinde nennen mich Arschloch und Freunde habe ich keine.

Ich denke, das liegt an meinem Beruf. Ich bin Schnüffler und stecke meine Nase in alles rein. Vorausgesetzt die Kasse stimmt. In diesem Job gibt es halt keine Freunde. Jedenfalls nicht für mich, denn für Geld würde ich sogar meine Großmutter ans Messer liefern. Um ehrlich zu sein, das habe ich sogar getan. Glücklicherweise habe ich zwei Großmütter und das bedeutet doppelt Kasse zu machen. Zu Weihnachten schicke ich den beiden Kekse in den Knast.

Was für ein Arschloch, denken sie sich jetzt bestimmt und schon sind wir wieder zurück auf der Straße der Einsamkeit und in meinem Büro, in dem gerade die Türe aufschwang. Zu meiner Erleichterung war es weder ein bezahlter Schläger, noch mein Vermieter. Nein, was da hereingerauscht kam, raubte mir schier den Atem. Es war die heißeste Braut die ich je in meinem Leben gesehen hatte.

Beine bis zum Himmel, Brüste wie Melonen und einen mehr als üppigen Hintern. Dazu der passende Schmollmund, eine blonde Löwenmähne und Augen so blau und unschuldig, dass ich darin ertrinken wollte. Wenn so ein steiler Zahn in ein solch mieses Büro wie meines kommt, dann läuft was schief. Solche Bräute bedeuten Ärger. Aber das war mir in diesem Moment vollkommen egal.

Sie schloss die Türe, stelzte mit aufregendem Schritt auf mich zu und setzte sich ungefragt auf die Tischkante. Der Überschlag ihrer Beine war heiß und ließ erahnen, was für Freuden auf mich warteten. Sie lächelte. Ich kramte zwei Gläser und den besten Whiskyverschnitt diesseits der Mainstreet aus der Schublade.

„Ich nehme an, ich soll ein paar besonders heiße Kartoffeln aus dem Feuer holen?“ In der Schublade hatten nur schmutzige Wassergläser gelegen und die füllte ich nun bis zum Anschlag.

Die Braut schnappte sich ein Glas und stürzte den Inhalt ohne mit der Wimper zu zucken hinunter. Alle Achtung, damit machte sie jeder Straßenhure Konkurrenz. „Irene Miller mein Name. Ich brauche einen Mann, der eine Aufgabe ohne Fragen zu stellen erledigt. Egal um was es geht. Und da hat man mir sie empfohlen.“

Das mich jemand empfiehlt, das war mir neu. Aber ich liebe neue und aufregende Dinge. Mit meinem Finger fuhr ich über ihre Wade entlang hoch zur Hüfte und atmete ihren süßen Duft ein, gemischt mit dem Hauch eines billigen Whiskyverschnitts. Meine Schuld. Verspielt schlug sie meine Hand zur Seite und zog aus ihrer Handtasche ein dickes Bündel Dollarscheine. „Wie sieht es aus, Mister McGee?“

Irene hatte eine verdammt sinnliche Stimme, die mir den Atem raubte. „Nennen sie mich doch einfach Catch.“, presste ich hervor und schnappte nach dem Geldbündel. Die Dollars konnte ich gut gebrauchen. „Was ist der Job?“

Sie lachte. Und dieses Lachen machte mich heiß. Genau das hatte sie auch gewollt. „Nun, Mister Catch, es gibt da diesen Mann. Er hat mir versprochen seine Frau zu verlassen und mit mir viele süße Babys zu machen. Aber er bricht sein Versprechen immer wieder.“

„Und ich soll seine Angetraute wegpusten? Sorry, Süße. Selbst ich kenne Grenzen.“ Allerdings verschoben sich einige dieser Grenzen beim Anblick von Irenes bebendem Busen.

„Gott bewahre, Mister Catch. Nein. Ich will wissen ob das stimmt, was mir dieser Mann erzählt. Sie sollen ihn beobachten und Fotos machen. Keine schriftlichen Aufzeichnungen oder so. Ich will nur sehen ob er wirklich eine Frau hat und ob sie tatsächlich todkrank ist.“

Das war der klassische Fall. Leicht und schnell zu erledigen. Normalerweise heuern mich die Ehefrauen an, um der Geliebten nachzuspüren. Das war zugegeben mal etwas anderes. Aber ich konnte Irene verstehen. Sie war keine dieser dummen Gänse, sondern hatte Köpfchen. Ein verdammt süßes Köpfchen.

Irene griff mit der Hand unter mein Kinn und hob sanft meinen Quadratschädel an. Unsere Blicke trafen sich. „Ich glaube dieser Mann lügt mich an, Mister Catch. Und dann wäre ich ziemlich wütend. So wütend, dass ich mir aus Rache jemand anderen in mein Bett holen würde.“

Wut und Rache sind etwas Feines, schoss es mir durch den Kopf. Vor allem kombiniert mit Sex. Ich grinste blöd und im nachhinein glaube ich auch mich erinnern zu können, wir mir voller Vorfreude der Sabber übers Kinn lief. Und das schien ihr zu gefallen.

***

Verdammte Scheiße, in was hatte ich mich da hineingeritten? Die kleine Irene hatte sich ausgerechnet Fredo Oktavio als Liebhaber ausgesucht, einen bekannten und berüchtigten Buchmacher. Oktavio trennte Privates und Geschäftliches streng. Er war dafür bekannt seine Familie vollständig aus dem Geschäft zu halten. In diesem Punkt war er richtiggehend Paranoid und schottete Frau und Kinder vollständig ab. Falls er denn Frau und Kinder hatte. Ich hätte den Auftrag ablehnen sollen. Aber hier war mehr im Spiel als nur Geld. Ich wollte Irene einfach nur flachlegen. Der kleine Mister Catch McGee gab nun aus der Hose heraus die Befehle. Scheiße, aber so sah es nun mal aus.

Fredo Oktavio war ein geschniegelter Typ im feinen Nadelstreifenanzug, mit teuren italienischen Schuhen, weißen Gamaschen und ordentlich Pomade im schwarzen Haar. Anfang Fünfzig, gut betucht und stets auf der Hut. Offiziell war Oktavio Uhrmacher, aber seine Kunden bezahlten ihn für ganz andere Dienste. Die einflussreichsten Kriminellen der Stadt gehörten dazu. Und ich Idiot hatte mich an seine Fersen geheftet.

Das war wortwörtlich zu verstehen. Denn ich hatte mich dazu entschieden Oktavio per Pedes zu verfolgen. Ein Auto war zu sperrig und fiel leicht auf. Jedenfalls meine klapprige Karre, die selbst Leuten auffiel an denen ich nur zufällig einmal qualmend vorbeirauschte. Zu Fuß war es auch einfacher Oktavio auf der Spur zu bleiben. Die Stadt war immer überfüllt und Autos kamen nur im Schritttempo voran. Wunderbare Bedingungen für einen Kerl wie mich.

Ich muss sagen, anspruchsvoll war die Aufgabe keinesfalls. Fredo Oktavio war eigentlich ein langweiliger Kerl. Er kam früh zur Arbeit, keine Ahnung woher, schloss seinen Laden auf und wartete dann auf Kundschaft. Einige Leute waren offensichtlich tatsächlich darauf aus eine Uhr zu kaufen. Aber die meisten wollten etwas anderes von Oktavio. Das lag auf der Hand, denn ich kannte die meisten dieser schmierigen Gesellen. Wir verkehrten immerhin im gleichen Milieu. Vom Kleinkriminellen bis hin zum Big Boss, sie alle nahmen Oktavios Dienste in Anspruch. Hier ein paar Schnappschüsse zu machen, könnte ein nettes Sümmchen einbringen. Aber ich bin gierig, nicht doof. Also blieb meine Kamera schön tief in ihrer Tasche stecken.

Ein Sandwich zum Frühstück, einen Mokka zu Mittag, Nachmittags ein grüner Salat. Ich versorgte mich dagegen mit etlichen Donuts und Hot Dogs, genug um eine ganze Armee Oktavios zu sättigen. Aber der Kerl kam mit wenig aus. Und trotz dieser Sparflammentaktik war Oktavio verdammt fit. Kein Vergleich mit meinem behaarten Bierbauch.

Nach Feierabend wurde es für mich spannend. Nun musste ich mich auf seine Fersen heften, ohne gesehen zu werden. Das sollte kein Problem sein, immerhin war das mein Job. Allerdings musste es auch gute Gründe dafür geben, warum bisher niemals jemand Oktavio nachgespürt hatte. Verdammt gute Gründe. Okay, die Gangster der Stadt waren seine Kunden und niemand bei klarem Verstand würde es sich mit ihnen verscherzen wollen. Fast niemand. Ich fluchte innerlich und stellte mir Irene nackt vor. Fast nackt, denn ich stand auf edle Strümpfe. Das baute mich auf.

Tatsächlich war es ziemlich einfach Oktavio zu folgen. Verdammte Scheiße, der Mann verließ sich einfach auf sein kriminelles Schutzschild. Dachte ich solange, bis er in einer chinesischen Wäscherei verschwand und ich erst nach einer Stunde begriff, dass Oktavio weg war. Scheiße!

Nächster Tag, nächster Versuch. Selber Mann, gleiches Spiel. Diesmal war ich vorbereitet und hatte ein altes verschwitztes Hemd eingepackt, um ihm in die Wäscherei zu folgen. Und tatsächlich. Oktavio hielt auf die gleiche Gegend zu, ab nach Little China. Vorher bog er noch kurz ins Dragonfly Inn ab. Guter Mann, chinesisch sollte ich auch mal wieder essen. Ich wartete und Oktavio blieb verschwunden. Der alte Gauner kannte wohl mehr als einen Hinterausgang. Bei den Chinesen nachzufragen sparte ich mir. Wenn sie auf Oktavios Lohnliste standen hielten sie den Mund und ich würde nur schlafende Hunde wecken.

Nächster Tag, nächster Versuch. Diesmal hatte ich einen besseren Plan, diesmal würde ich Oktavio erwischen. Keine Wäscherei, kein Restaurant. Nein. Diesmal verschwand meine Zielperson in einem Blumenladen. Also wieselte ich über die Straße und ums Gebäude herum. Ich musste nur schneller sein. Und da war er auch schon, der Hinterausgang. Zeitung hoch und unschuldig gucken. Das klappt bei mir zwar nie, aber ich versuche es immer wieder. Ärgerlich war nur, dass Oktavio nicht kam.

Das ging die nächsten drei Tage so. Oktavio war verdammt clever. Also musste ich meinen Grips bemühen. Die Hintertüren waren nicht die Lösung des Problems. Also kramte ich den Stadtplan raus und markierte alle Gebäude. Denn eines war mir klar, in keinem der Läden würde Oktavio wohnen. Sie alle dienten nur dem Verschwinden. Und so wie er verschwand, so tauchte er auch auf. Scheinbar aus dem Nichts.

Ich zog Linien zwischen den Läden und betrachtete dann mein Meisterwerk. Überall waren nun Markierungen und Verbindungen eingezeichnet. Es gab keine Gemeinsamkeit. Wenn sich Linien trafen, dann ohne Sinn. Aber dann kapierte ich, wohin Fredo Oktavio verschwand. Er nutzte das Netzwerk aus Kellern, dass auch die Chinesen gerne für ihre Geschäfte einsetzten. Und verschwand zu dem einzigen Punkt in Little China, bei dem es weder eine Markierung, noch eine Linie gab. Da war ich mir sicher.

Am nächsten Tag machte ich mich also sofort auf den Weg ins Chinesenviertel und sah mir die Gegend an. Eines der Häuser war zu sauber, zu ordentlich für die Gegend. Bingo! Jedenfalls war ich davon überzeugt, einen Treffer gelandet zu haben.

Also legte ich mich vor dem Haus auf die Lauer. Warum die Maus jagen, wenn du ihr Nest kennst, sagte ich mir. Tagsüber war alles ruhig. Keine Frau und keine Kinder zu sehen. Einkaufen und Schule, vermutete ich. Gegen Nachmittag kam ein Kerl in feinem Zwirn und schloss das Haus auf. Er kam im feinen Stil Oktavios daher und trug eine große Papiertüte mit Einkäufen. Vermutlich der Dienstbote. Ich lag weiter auf der Lauer, doch es kam kein Oktavio. Dafür gingen irgendwann die Lichter an und leise Musik war aus einem der oberen Fenster zu hören. Von der Straße war die obere Etage aber uneinsehbar. Verdammt! Sicherlich betrat und verließ Fredo Oktavio sein Haus ebenfalls über den Keller.

Ich suchte mir nun ein nettes Nachbarhaus mit Balkon und klopfte auf gut Glück an. Der chinesische Opa und seine Sippe schnatterten sofort los und wollten mir die Türe vor der Nase zuschlagen. Aber mit ein paar Dollars waren sie schnell verstummt und ließen mich auf ihren Balkon. Prima Ausblick, ich sah alles, was ich sehen musste.

Es gibt bei jedem Fall diesen Augenblick, in dem sich alle Vermutungen und Einschätzungen plötzlich drehen und ein anderes Bild ergeben. Ich nenne das einen Twist. Keine Ahnung ob das bei allen Detektiven so ist, aber bei mir ist kein Fall so wie er scheint. Und genau das war wieder so.

Die teure Hütte vor mir gehörte tatsächlich Fredo Oktavio. Und der gute Mann war daheim. In bester Gesellschaft. Denn er und der vermeintliche Dienstbote tanzten eng umschlungen zur Musik, befingerten sich, küssten sich. Oktavio war ein Hinterlader! Verdammte Scheiße! Warum brauchte er dann eine so heiße Geliebte wie Irene? Als Alibibraut? Unwahrscheinlich, denn es war ja eine heimliche Geliebte. Es war klar, dass Oktavio ein ziemlich mieses Spiel mit Irene trieb. Die Arme. Doch Job war Job. Also knipste ich ein paar Bilder als Beweis, bedankte mich bei den Schlitzaugen und trabte zur nächsten Telefonzelle.

Zum Glück war Irene Zuhause. Am Telefon war so etwas nur schwer zu besprechen. Die Bilder zu entwickeln würde einige Zeit dauern. Also gab ich Irene nur Oktavios Adresse und bestellte die Braut um Mitternacht in mein Büro. Dort würde sie die Fotos von mir erhalten. Außerdem gab es da noch dieses feuchtheiße Versprechen, das Irene zu erfüllen hatte.

***

Ich hatte Anfangs ja gesagt, dass ich Ärger befürchtete, als die Türe zu meinem Büro aufschwang. Rückblickend ist dem wirklich so. Der ein oder andere ahnt es sicherlich schon, aber ich und Irene hatte keine feuchtheiße Nummer miteinander.

Statt der scharfen Blonden stürmten ein paar Polizisten mein Büro. Glücklicherweise hörte ich rechtzeitig den Tumult auf dem Flur und konnte mich mit einem Sprung aus dem Fenster retten. Keine Ahnung was die Jungs wollten, aber wenn Cops mein Büro stürmen, dann renne ich erst einmal weg.

Das stellte sich auch als ziemlich gute Idee heraus, denn auf der Straße machte das Gerücht die Runde, jemand hätte Fredo Oktavio in seinem Haus erschossen. Jemand, der genau wusste, wo er Oktavio finden konnte. Jemand ohne Skrupel, jemand, der für Geld einfach alles tat.

Tja, es ist ja schon klar, worauf die Sache hinausläuft. Dieser jemand bin natürlich ich. Ich wurde sauber hereingelegt. Sozusagen ein doppelter Twist. Und der traf mich unter der Gürtellinie.

Zur Sicherheit sah ich nämlich bei Irene vorbei. Aber die lag, mit einem blutigen Loch zwischen den schönen Augen, in ihrer Wohnung. Die Kleine hatte wohl jemand aufs Kreuz gelegt – und zwar in einer unangenehmen Art und Weise. Als die Polizei in Irenes Wohnung eintraf, war ich natürlich schon weg. Immerhin jagte mich die Polizei schon wegen Mordes an Fredo Oktavio und die Gangster jagten mich ebenfalls deswegen. Nur aus anderen Gründen, denn ich hatte ja vermeintlich ihren Buchmacher weggeballert.

Die Nacht ist kalt und nass, und mir bleibt nur mein Regenmantel und eine Handvoll Dollar, um unterzutauchen und Gras über die Sache wachsen zu lassen. Wahrscheinlich in einer anderen Stadt. Oder besser noch in einem anderen Land. Scheiß Twist!

ENDE

Copyright © 2012 by Günther K. Lietz

Zahnfee – 5.000 FTD

Zahnfee - 5.000 FTD

Summm … summm … summm … Was war das nur für ein Summen? Nastia rutschte auf den Knien bis zur Bettkante und schob vorsichtig ihren Kopf nach vorne über, um unter ihr rosafarbenes Bettchen zu blicken. Nur Staub, ein halbes Brot mit Schokocreme und Schimmel drauf, daneben Marks zerdrückter Plastikdinosaurier und ein altes Malbuch aus der Kita.

Summm … summm … summm … Da! Da war es schon wieder. Irgendwo im Zimmer. Nastia schluckte und kroch zum Kopfende ihres Bettchens. Schnell zog sie ihre Kuscheldecke bis zum Kinn. Die, mit den bunten und lachenden Clowns und Elefanten. Nastias Blicke huschten durchs Zimmer.

Ihre Eltern waren heute Abend zu den Nachbarn eingeladen. Sie spielten dort Karten. Bridge oder Rommé. Dazu gab es kleine Snacks, mit Käse, Weintrauben und Crackern. Und es wurde getrunken. Wein von den Frauen und Bier von den Männern. Jedes erste Wochenende im Monat fanden diese Nachbarschaftstreffen statt. Dann kam immer Steffi ins Haus. Sie war zehn Jahre älter als Nastia. Aber sie ging trotzdem noch zur Schule.

Steffi war sehr zuverlässig, wie Mama fand. Seit zwei Jahren kam sie zum Kinderhüten und nie hatte es Probleme gegeben. Steffi sah recht hübsch aus, wie Papa fand. Manchmal steckte er ihr einen Zehner extra zu. Dann lächelte Steffi artig und bedankte sich mit einem Kuss auf Papas Wangen. Allerdings nur, wenn sie alleine beisammen standen. Das hatte Nastia mal gesehen.

Summm … summm … summm … Vielleicht war es eine dicke Fliege? So ein schwarzer Brummer, wie er manchmal auf der Tonne für Küchenabfälle herumkroch. Oder eine Biene, so eine ganze wilde. Aber es war Herbst. Draußen wurde es früher dunkel, die bunten Blätter fielen von den Bäumen und es war kalt. Zu kalt für Bienen. Das hatten sie in der Schule gelernt. Im Herbst gab es kaum noch Bienen. Aber dafür Kastanien. Nastia hatte für Steffi einen Kastanienclown gebastelt.

Das Summen machte Nastia Angst. Wenigstens brannte das Licht noch. Steffi machte das Licht immer erst dann aus, nachdem sie Nastia ordentlich zugedeckt und ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben hatte. Steffi war richtig lieb. Ein wenig frühreif, wie Mama sagte. In dem Alter sei man halt schon gut gewachsen, hatte Papa gemeint. Und er musste es ja wissen. Nastia hatte vor vier Wochen nämlich gesehen, wie er mit seinen Händen Steffis Brüste ausgemessen hatte. Sicherlich wollte er ihr einen Pulli zu Weihnachten schenken.

Vielleicht unterhielt sich Papa ja gerade mit Steffi. Manchmal kam er nochmal kurz zurück, weil er was vergessen hatte. Er war ja schon alt, wie Mama scherzte. Dann half ihm Steffi schnell beim Suchen. Und wenn sie fertig waren, dann ging Papa wieder zurück zum Kartenspielen.

Heute Abend war Steffi zu spät. Nastia guckte auf ihre Kinderuhr über der Türe. Die Zubettgehzeit war schon lange vorbei. Sie musste schon längst schlafen. Aber Steffi sollte sie noch zudecken und ihr einen Kuss auf die Stirn geben. Und dann machte Steffi ja immer das Licht aus. Erst bei ihr und dann bei Mark. Der war ja auch ein Jahr älter und durfte ein paar Minuten länger aufbleiben.

Mark. Das war die Idee. Nastia jubelte innerlich. Er ging schon in die zweite Klasse und konnte richtig lesen und rechnen. Mark war ihr großer Bruder, er würde auf sie aufpassen.

Nastia nahm ihren ganzen Mut zusammen, dann schwang sie sich aus dem Bett. Mit der Kuscheldecke unter dem Arm lief sie schnell zur Zimmertüre, drückte die Klinke hinunter und rannte dann mit nackten Füßen über den Flur zu Marks Zimmer. Sie machte die Türe auf und stürmte im Dunkeln auf sein Bett zu. Ein Sprung und schon war sie drin. “Mark?” Keine Spur von ihrem großen Bruder. Nur seine Alienbettwäsche. Auf dem Nachttisch stand Marks Roboternachtlich. Nastia drückte auf einen Knopf am Roboter und die Auge leuchteten rot auf. Es wurde etwas heller im Zimmer und sah gruselig aus. Sie drückte nochmals auf den Knopf und das Licht wurde blau. Schon besser. „Mark?“

“Ich bin hier.”, kam es leise aus dem Kleiderschrank. “Sei bloß still. Was willst du?”

“Ich habe Angst. In meinem Zimmer ist so ein komisches Summen. Das will ich nicht hören. Und Steffi hat mich nicht zugedeckt. Und das Licht ist auch noch an.”

Es war kurz ruhig im Schrank. Dann wurde die Türe aufgeschoben und ein kleiner blonder Junge blickte heraus. “Bei mir hat es eben auch gesummt. Aber ich hab keine Angst. Ich bin doch kein Mädchen.”

Nastia nickte. Stimmte. Mark war ein Junge. “Darf ich zu dir in den Schrank kommen?”

“Klar.”

Schon huschte Nastia aus dem Bett und hinüber zu Mark. Nun saßen beide Kinder im Schrank. “Und jetzt?” fragte Nastia leise und sah ihren Bruder ängstlich an. “Vielleicht ist da draußen ein Monster.”

Mark schüttelte den Kopf. “Papa sagt es gibt keine Monster. Das ist ein Ungeheuer. Wetten?”

Nastia bekam ganz große Augen und machte vor Schreck ein paar Tropfen in die Unterhose. “Ein Ungeheuer? Lass uns nach Steffi rufen.”

“Mädchen.”, stöhnte Mark vorwurfsvoll. “Mädchen sind doof. Dann hört uns das Ungeheuer doch. Und dann kommt es und frisst uns auf.”

Sofort klammerte sich Nastia ganz fest an Mark. Daran hatte sie gar nicht gedacht. “Und was machen wir dann?”

“Wir schnappen uns Waffen uns schleichen uns zu Steffi runter. Steffi hat doch die Telefonnummer von Mama und Papa für den Notfall.”

Nastia nickte. Sie war froh, dass ihr Bruder Zeichentrickfilme sah. Deswegen hatte er immer so gute Ideen. Mark schnappte sich seine Wasserpistole und Nastia bekam sein altes Lichtschwert. Die Batterie war zwar beinahe leer, aber ein wenig Licht spendete die Plastikröhre doch noch. Auf allen Vieren schlichen sie zur Türe und blickten auf den Flur hinaus.

Summm … summm … summm … Das Summen war noch immer zu hören, aber es war etwas leiser. “Ich glaube, dass Ungeheuer ist in deinem Zimmer.”, flüsterte Mark. “Was will es denn da?”

Nastia war ganz aufgeregt. “Vielleicht will es meinen Zahn klauen. Den, der mir ausgefallen ist.”

Mark sah seine Schwester verständnislos an. “Was will ein Ungeheuer denn mit deinem Milchzahn? Du bist doch ein Mädchen. Das weiß doch jeder. Zähne von Mädchen sind nichts wert.”

“Menno!” Nastia war eingeschnappt. Manchmal war Mark ein richtiger Idiot. “Das sage ich Mama.”

“Mir doch egal.”

Plötzlich wurde das Summen lauter. Eine helle Lichtkugel, groß wie Nastias Kopf, flog aus dem Mädchenzimmer und raste die Treppe runter. Das Summen war eindeutig von dem Licht ausgegangen. Die beiden Kinder blickten sich an, dann robbten sie auf dem Bauch zur Treppe hinüber und sahen nach unten. “Was war das denn?” flüsterte Nastia aufgeregt. “Hast du das auch gesehen? Da haben Flügel rausgeguckt.”

Mark nickte aufgeregt. “Ja, kleine Flügel. Und aus dem Licht sind winzige Sternchen gefallen.”

Die beiden suchten den Boden ab. Tatsächlich. Überall lagen noch filigrane, goldfarbene Sternchen, die langsam zu kleinen Punkten schmolzen und sich dann gänzlich auflösten. Mark und Nastia waren begeistert.

“Das ist gar kein Ungeheuer.”, rief Nastia aus und sprang auf die Füße. Mark ebenfalls. “Das ist sicher die Zahnfee.”, bemerkte er. Die Kinder ließen Wasserpistole und Plastiklichtschwert fallen, flitzten so schnell sie konnten die Treppe runter und ins Wohnzimmer.

Da stand sie. Umgeben von einer leuchtenden, goldenen Aura, gehüllt in ein rosaweißes Spitzenkleid, um die Hüfte einen silbernen Gürtel, an dem Beutel hingen. Das weizenblonde Haar fiel in schweren Locken weit über die Schultern und die Haut war alabasterfarben. Smaragdgrüne gütige Augen blickten aus einem fein geschnittenen Gesicht und ein Lächeln lag auf den vollen Lippen. Das feengleiche Wesen stand hinter dem Sofa und entzog sich somit ein Stück weit dem Blick der Kinder.

Nastia und Mark stoppten an der Türe zum Wohnzimmer schlagartig. Das musste einfach die Zahnfee sein. Tief in sich wussten sie es einfach. Und Nastias Milchzahn hatte die Zahnfee angelockt. Das Mädchen war stolz und grinste glücklich. Dabei entblößte sie eine niedliche Zahnlücke. Die Zahnfee schaute auf.

Der Blick der Märchenfigur suchte und fand Nastia. Die Zahnfee lächelte. “Ups, da wurde ich wohl erwischt.” Ihre Stimme klang honigsüß. “Manchmal passiert das einfach. Ich bin heute auch mal wieder so ungeschickt.” Die Zahnfee bückte sich, es gab ein knirschendes Geräusch, das von einem schmerzverzerrtem Stöhnen begleitet wurde. Das klang nach Steffi.

Lächelnd richtete sich die Zahnfee auf. In einer Hand hielt sie ein kleines, blutverschmiertes Stemmeisen, in der anderen Hand einen blutig tropfenden Backenzahn.

Hinter dem Sofa wurden nun kalkweiße Hände sichtbar, mit blutigen Fingern, dort, wo die Fingernägel weggebrochen waren. Es war tatsächlich Steffi, die sich langsam über den Boden zog. Ihr rotes Haar war offen und zerzaust. Sie trug keine Bluse mehr, sondern nur noch ihren kleinen Büstenhalter. Ihr Rock hing halb über den Hüften und der Slip war bis zu den Knöcheln hinabgezogen. Überall hatte sie blutige Schrammen und Kratzer. An der Seite drückte sich eine gesplitterte Rippe spitz durch den Körper. Doch am schlimmsten war ihr Gesicht.

In Steffis grünen Augen glitzerte nur noch pure Todeangst. Die Nase war ein blutiger Brei, der sich mit dem Rotz vermischte. Aus einer tiefen Platzwunde auf der Stirn floss unaufhaltsam Blut. Doch wirklich grauenhaft war der Mund. Steffi versucht ein Wort zu sagen und öffnete ihre aufgeplatzten Lippen, doch nur Blut und blutige Blasen fanden ihren Weg. Dort wo einst perfekte Zahnreihen ein noch perfekteres Lächeln gebildet hatten, waren nur noch Löcher. Die Zahnfee hatte ganze Arbeit geleistet.

Nastia und Mark schrien laut auf. Die Zahnfee zog eine beleidigte Schnute, holte mit dem Stemmeisen aus und drosch heftig auf Steffis Hinterkopf ein. Der Schädel zerbarst wie eine  Walnuss unterm Hammerschlag. Hirn und Blut spritzte umher, dann hörte die Zahnfee mit dem Schlagen auf und steckte den Backenzahn in einen ihrer Beutel.

“Ich bestrafe nur böse Kinder, wisst ihr.”, versuchte sich die Zahnfee zu erklären. Sie zuckte mit den Schultern. “Da macht sich niemand Gedanken, wenn denen mal was passiert.” Nastia und Mark waren weiß wie Milch. Mit großen Augen blickten sie auf Steffi. Ihr kindlicher Verstand war gerade dabei zugrunde zu gehen. “Und natürlich beseitige ich auch Augenzeugen. Vor allem, wenn sie so schöne Zähne haben. Wisst ihr, Milchzähne sind etwas ganz besonderes.” Die Zahnfee drehte sich zu den Kindern um und lächelte liebenswürdig, während sie ihr Stemmeisen locker durch die Luft schwang.

Summm … summm … summm … Da war es wieder, dieses Summen. Die Zahnfee hielt kurz inne und sah sich um. Nichts zu sehen. Doch diese Zeitspanne reichte aus, damit die beiden Kinder aus ihrer Starre fielen. Schreiend drehten sie sich auf dem Absatz um und rannten los. Zuerst ins Esszimmer und dann durch die Küche wieder zurück in den Flur. Die Zahnfee verfolgte sie kichernd.

“Da lang!” rief Mark vollkommen außer Atem vor Angst. Er zeigte auf den großen Wandschrank, in dem die Jacken und Schuhe aufbewahrt wurden. Die Kindern stürmten los, rissen die Türe auf und erstarrten. Vor ihnen lag ihr Vater, nur in Unterhose, den Kopf in einem merkwürdigen Winkel verdreht und den Mund weit aufgerissen. Ihm fehlten die Zähne. Stattdessen tropfte noch Blut aus seiner Mundhöhle und blickten die Augen starr vor Überraschung und Tod in weite Ferne.

“Ihr habt mich erwischt. Ich bestrafe auch böse Erwachsene.”, meinte die Zahnfee. Sie hatte sich vor den Kindern aufgebaut. Es gab kein Entkommen mehr. “Und euer Papa war ein sehr böser Erwachsener. Ein sehr, sehr böser. Aber seine Zähne, die waren noch recht gut.” Die Zahnfee holte aus, zielte auf Nastias Kopf und schlug zu.

Summm …! Summm …! Summm …! Das Stemmeisen traf krachend auf einen harten Widerstand. Das Summen klang nun zornig. Vor den Kindern war scheinbar aus dem Nichts die Lichtkugel aufgetaucht und in goldene Sternchen explodiert, die sich, innerhalb eines Wimpernschlages, zu einer winzigen, grazilen Frau neu zusammengesetzt hatten.

Die winzige Frau war wunderschön und auf ihrem Rücken summten wild filigrane Feenflügel. Sie trug eine schwarze Ledermontur, dazu kniehohe Stiefel mit höllisch hohen Absätzen und zusätzlich eine Kevlarweste. Das kleine rote Abzeichen auf der Brust, war kaum zu erkennen, doch es zeigte ein rotes Käppchen und darunter drei Buchstaben in großen Lettern: RHH. Das braune Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, als Kopfbedeckung diente ein rotes Barett. Dieses Wesen hatte sich mutig zwischen die Zahnfee und die Kinder geworfen. In ihren Händen hielt die winzige Frau einen schwarzen Kampfstab, mit dem sie den Schlag der Fee geblockt hatte.

“Bleibt wo ihr seid, ich kümmere mich darum.”, stieß die geflügelte Frau gepresst hervor. Sich der Wucht des Hiebes entgegenzustellen hatte Kraft gekostet, vor allem in der Luft.

“Schlampe!” schrie die Zahnfee auf und drosch zwei weitere Male zu. “Du doofe Elfe.” Ihre Gegnerin sank bei jedem Hieb zwar immer weiter ein Stück nach unten, hielt aber stand. Im Gegenteil, mit wild summenden Flügeln stemmte sich die Elfe der Zahnfee entgegen und schlug das Stemmeisen zur Seite, um dann aufzusteigen und mit einem wirbelnden Rundumtritt das Gesicht der Zahnfee zu treffen. Es gab ein lautes, knackendes Geräusch und Blut schoss aus der Nase, um sich, einer Fontäne gleich, über die winzige Angreiferin zu ergießen.

Mit einem wütenden Schreit holte die Zahnfee erneut aus und trat ihrer Gegnerin mit brachialer Gewalt von unten zwischen die Beine. Mit einem überraschten und schmerzerfüllten Laut knallte die Elfe gegen die Decke und fiel dann kreischend zu Boden, wo sie leise stöhnend liegen blieb. Der Kampfstab glitt ihr aus den Händen.

“Jetzt gebe ich dir den Rest.”, stieß die Zahnfee zornig hervor. Sie ging auf die Knie und holte erneut mit dem Stemmeisen aus. “Stirb!”

Es gab einen lauten Knall und mit einem überraschten Blick kippte die Zahnfee stumm nach vorne, wo sie auf dem toten Vater der Kinder zu liegen kam. Ihn ihrem Rücken war nun ein großes blutiges Loch und eine Pfütze aus glänzendem Blut breitete sich unter ihr aus.

Hinter der toten Zahnfee, im Wohnzimmer, stand ein kleines Mädchen, gehüllt in hautenges rotes Leder, mit goldgelockten Haaren und einem zeitlosen jugendlichen Gesicht. Vielleicht doch kein Mädchen mehr, aber auch noch keine Frau. In den Händen hielt die Kleine eine große Pistole, aus deren Lauf es noch warm dampfte.

“Ich habe dir doch gesagt, du sollst auf mich warten.”, sagte das Mädchen vorwurfsvoll. “Glöckchen, du bist immer so unvorsichtig.”

Die Elfe kämpfte sich stöhnend unter der toten Zahnfee hervor. Sie war voller Blut und keuchte. “Ging nicht anders, Commander. Unbeteiligte Personen in Gefahr.”

“Dein Job ist die Aufklärung. Leise rein, leise raus.”

“Mir tut alles weh. Der Tritt war heftig. Ich hätte etwas mehr Mitleid und auch mal ein Lob verdient.” Glöckchen griff nach ihrem Stab, um sich darauf zu stützen. “Hallo, Kinder.” Sie versuchte zuversichtlich zu lächeln, was ihr nur leidlich gelang.

Mark und Nastia waren entsetzt. Die beiden Geschwister saßen auf dem Boden, hielten sich gegenseitig umklammert und hatten eingenässt. Sie zitterten und Tränen liefen ihnen übers Gesicht.

“Ich bin Major Glöckchen und das ist Commander Rotkäppchen, unsere Befehlshaberin. Wir gehören zu Red Hiding Hood, einer privaten Sicherheitsfirma. Sorry, das ihr das gerade erleben musstet.” Glöckchen griff in ihre Westentasche und holte ein kleines Etui hervor. Sie brauchte erst einmal eine Zigarette, zur Beruhigung. Sobald die blauen Dunstschwaden aufstiegen, ging es ihr besser.

Rotkäppchen hatte die Waffe ins Holster zurückgesteckt und die Zahnfee auf den Rücken gedreht. Blut sickerte aus der Brust der Toten. Das Austrittsloch war um einiges Größer als der Einschuss selbst. Rotkäppchen legte viel Wert auf durchschlagende Waffen. “Wie viel bringt uns hier die Zahnfee?”

Glöckchen klemmte sich den Glimmstängel in den Mundwinkel und holte einen Notizblock aus der Gesäßtasche. “Fünftausend Fairy-Tale-Dollars. Aber ich denke wir können den ganzen eskalierten Scheiß hier ebenfalls geltend machen und noch tausend FTD zusätzlich herausholen.”

“Was machen wir mit den Kindern?” Rotkäppchen kratzte sich ratlos am Hintern. Sie war zufrieden, denn mit dem Kopfgeld konnte sie die laufenden Zahlungen begleichen.

“Weiß nicht. Hier lassen geht nicht. Die haben zu viel gesehen. Aus der Sache einen verdammten Albtraum zu machen geht sicherlich schief. Hat ja Tote gegeben. Da fällt eine Erklärung schwer. Wir sollten sie mitnehmen.”

“Kann Peter nicht was machen?”

Glöckchen schnaubte verdrossen. “Quatsch. Der sitzt jeden Abend mit den Jungs in der Kneipe und lässt sich volllaufen. Sie haben sogar einen Drink nach ihm benannt: Selbstmitleid.”

“Egal, wir finden schon ein Plätzchen für die beiden. Wird schon irgendwie gehen.” Rotkäppchen ging zum Schrank, packte Nastia und Mark beim Kragen und zog sie mit sich. “Stellt euch mal nicht so an. Ihr seid noch am Leben. Wir nehmen euch mit, ihr seht eine wunderbare Märchenwelt, bla bla, voller Magie, bla bla und der ganze andere Kram aus euren Märchenbüchern auch. Glöckchen, machst du das Licht aus?”

Glöckchen nickte. Vor Rotkäppchen öffnete sich ein gleißendes Portal und sie überschritt die Grenze zwischen der Welt der Sterblichen und der Welt der Märchen. Glöckchen drehte in der Küche den Gasherd auf, hakte eine Granate von ihrem Gürtel und ging dann zum Portal hinüber. “Ich hasse Zahnfeen.”, murmelte sie und ließ die Granate über den Boden kullern. Glöckchen verwandelte sich wieder in eine Kugel aus Sternenlicht und Sternenstaub, durchflatterte das Portal und überließ es der nachfolgenden Explosion und dem Feuer, sämtliche Spuren zu vernichten.

Summm … summm … summm …

ENDE

Copyright © 2011 by Günther Kurt Lietz