Ansicht eines Arschs – Ein klassisches Motiv neu aufbereitet

Vom künstlerischen Standpunkt aus betrachtet, kann es des Nachts nur von Vorteil sein im schummrigen Licht überraschend einen nackten Hintern vor Augen zu haben. Vom erotischen Standpunkt aus wäre es ganz passabel der Podex gehöre einem Mitglied des anderen Geschlechts, doch schlussendlich muss die Überraschung genommen werden wie sie ist. Und wer trunken vor Wein seine Backen der kalten Öffentlichkeit präsentiert, der hat das Anrecht auf eine entsprechende Beurteilung seiner beiden besseren Hälften.

Im vorliegenden Falle gehören die Pobacken einem jungen Akt-Nachwuchsmodell und nebenberuflichem Schauspieler aus dem Westerwald, dem Hedonismus zugetan – im philosophischen Sinne – und derzeit gefangen in einer Spirale der Düsternis und des Leidens – womit wir wieder beim Hedonimus nach Aristippos von Kyrene landen. Apropo Aristippos, kommen wir zurück zum Hintern.

Das Motiv sind entblößte Backen, im schummrigen Licht nach hinten geneigt, scheinbar als Versprechen einer homoerotischen Begegnung. Knackig und durchtrainiert, die Offenbarung der holden Weiblichkeit, präsentieren sie sich dem Betrachter. Dazwischen, nur angedeutet, ein leichter Flaum, der sich zum zentralen Spalt hin verdichtet, verdunkelt, ja, der Düsternis anheim fällt. Eine dunkle Grenze, ein dunkler Raum, der Gefahr, aber auch ein Mysterium verspricht, dass es –  vielleicht – zu ergründen gibt.

Der Blick des Betrachters verschiebt sich nach unten, folgt den starken Linien, die einem Olympioniken der Antike gleichen. Der Weg führt unter den Rundungen hinweg zu den Genitalien des Modells, nur angedeutet, von hinten, durch den hängenden, faltigen und dennoch jugendlichen Sack. Ein Sack, ein Hoden, der genau die richtigen Proportionen aufweist, der den Blick auf sich zieht, ohne dabei das Gesamtbild zu dominieren oder gar zu zerstören. Ein Sack, einem ledernern Beutel, einem Füllhorn an Versprechungen gleich.

Wer die alte Pinakothek in München kennt und dort einen Augenblick bei Peter Paul Rubens‘ „Amor schnitzt den Bogen“ (Eros in der Rezeption)  aus dem Jahre 1614 weilt, wird große Ähnlichkeiten zwischen dem klassischen und modernen Motiv finden, was Haltung und Darstellung betrifft. Dabei gleicht das Modell mehr dem Eros der griechischen Klassik als dem Kleinkind aus dem Hellenismus. Und es gibt auch ursprüngliche Ähnlichkeiten, denn so wie Eros aus dem Chaos entstand, so war es das Chaos und der Wein, die schlussendlich das unverhoffte Aktmotiv entstehen ließen.

Bleibt nur abzuwarten, dass dieser junge und aufstrebende Künstler sich erneut den Herausforderungen und Unbillen der erotischen Kunst öffnet. Die Welt hätte es verdient!

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