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Jäger versus Mensch

Jäger versus Mensch

Kurzgeschichte von
Günther Kurt Lietz

Die schweren Tritte seines TAIPAN-Kampfanzugs hallten in der Leere des Raums wieder. Anrototh Mwabashi war sich des Lärms bewusst und setzte ihn als Lockmittel ein. In den Händen des hochgewachsenen und gut aussehenden Mannes ruhte eine ausgefahrene MAMBA-Sturmlanze. Sie maß in der Länge ebensoviel wie Mwbashi in der Höhe. Ihre Spitze war verdickt und pulsierte in einem sanften Orange.

Die Sensoren des TAIPAN meldeten den Angreifer und Mwbashi reagierte. Der Mensch ließ sich in einer eleganten Drehung in die Hocke herab. Auf dem Schirm seines Helms kam das Wärmebild einer vierarmigen Kreatur in Sicht, das Maul des eiförmigen Kopfes zum Biss weit aufgerissen. Vom Kampfanzug unterstützt glitt die MAMBA nach oben und die drei roten Punkte ihrer Zielerfassung vereinten sich im Zentrum des Feindes. Mwbashi drückte ab!

Aus der Spitze der Kampflanze löste sich ein Energieblitz und erhellte kurz die düstere und verlassene Brücke des Raumfrachters ORIONS STURZ. Das außerirdische Wesen wurde im Körperzentrum getroffen und nach hinten geschleudert. Es krachte gegen die Rückwand und fiel schwer zu Boden. Mit einem letzten Aufbegehren versuchte es sich erheben, seinem Fluchtinstinkt nachzugeben, scheiterte jedoch kläglich. Heißer, ätzender Dampf stieg von der Kreatur auf.

Mwbashi ging an das Wesen heran und trat gegen den verendenden Körper. In der gepanzerten Haut der Kreatur bildeten sich breite und tiefe Risse. Unter normalen Umständen würde stark ätzendes, säureartige Blut aus den Wunden rinnen und sich durch den Metallboden fressen. Doch der Energiestoß der MAMBA hatte die Zellstruktur verändert. Das Blut war geronnen und zu dicken Klumpen verkommen. Das Wesen starb von Innen heraus, ohne Möglichkeit einer Gegenwehr. Schmerzen und Hoffnungslosigkeit ließen die Kreatur ein letztes Mal erzittern.

“Friss meine Hosen!” Mwbashi hantierte an der MAMBA und glich den Energievorrat der Kampflanze mit dem TAIPAN ab. Der Soldat fluchte leise und schlug mit der flachen Hand gegen das Ende der Waffe. Dann ging er weiter ins Schiff hinein.

Die ORIONS STURZ war bei ihrem Eintritt ins Sonnensystem entdeckt worden. Sie sendete zwar ein Standardprotokoll, aber es gab keine Reaktionen auf Anfragen der Flugsicherheit. Die Mondstation hatte daraufhin einen Notfallkode übermittelt und das Programm des Navigatonscomputers überschrieben. Anschließend wurde Mwbashi losgeschickt, um nach dem Rechten zu sehen.

Der Soldat war für solche Fälle ausgebildet. Er gehörte zu einer Spezialeinheit aus Wales, die sich außerirdische Technologien zueigen machte. Die Sicherheit Englands, der Erde und des Sonnensystems standen stets auf dem Spiel, wenn er oder einer seiner Kollegen angefordert wurden. So auch in diesem Fall.

An Bord der ORIONS STURZ herrschte Totenstille. Das Raumschiff hatte vier Besatzungsmitglieder, die nun allesamt tot waren. Die Außerirdischen missbrauchten die Körper der Menschen als Wirte. Das war ihre Natur – und dafür mussten sie vernichtet werden. Die Kreaturen kannten weder Mitleid noch Gnade. Sie spürten keine Freude am Töten. Sie waren einzig und alleine aufs Überleben aus. Ihre Körper passten sich innerhalb einer Generation an neue Umweltbedingungen an. Evolution im Zeitraffer.

Mwbashi mochte die Außerirdischen. Obwohl sie tödlich waren und den Menschen in jeglicher Hinsicht überlegen, waren es ehrliche Gegner. Sie ließen keine Fragen offen, suchten kein klärendes Gespräch und Hinterhältigkeit war ihnen nur im Sinne eines Sprungs in den Rücken bekannt. Das war ein ehrlicher Umgang miteinander. Du oder ich!

* * *

Über den Sichtschirm von Cazador liefen unzählige Sensormeldungen und wurden stetig angepasst. Der Jäger hatte seinen Kampfanzug magnetisiert und hing über dem Menschen an der Decke. Das Tarnfeld war aktiviert und so konnte er in Ruhe den Mann beobachten. Cazador zollte ihm Respekt, denn immerhin hatte er nun bereits den dritten Säurespucker ausgeschaltet. Dieser Mensch war vielleicht die perfekte Beute und würde eine hervorragende Trophäe abgeben.

Lautlos und im Schutz des Tarnfelds folgte Cazador dem Mann. Dem Jäger war aufgefallen, dass der Kampfanzug des Menschen zu viel Energie verschlang und somit die Effektivität der Kampflanze mit jedem Schuss reduzierte. Da! Das dritte Jungtier war nun ebenfalls vernichtet. Das würde dem Mutterwesen missfallen. Laut Cazadors Sensoren bewegte es sich bereits auf ihre Position zu. Es würde ein spannender Kampf werden und der Sieger zur Beute des Jägers. Es war eine gute Idee, das Schiff der Menschen mit einem Säurespucker zu infizieren. Die natürliche Auslese würde zeigen, was für eine Trophäe er in die Halle der Jäger bringen würde.

Der große Säurespucker brach nun durch das Schott und sprang auf den Menschen zu. Der hantierte an der Energiezufuhr seiner Kampflanze und wich im letzten Augenblick dem Zungenstoß des Spuckers aus. Eine beachtliche Reaktion, erkannte Cazador an. Das war jedoch weitgehend der Verdienst des Kampfanzugs, den die Menschen gestohlen hatten. Sie waren in ihrer Entwicklung zu primitiv für solche Technlogien.

Nein, die von dem Menschen eingesetzte Technik war außerirdischen Ursprungs und von Cazadors Volk entwickelt worden. Einst auf den Krieg und dann auf die Jagd optimiert, war sie jeglicher menschlichen Technologie weit überlegen. Doch einer der Jäger war selbst zur Beute geworden. Er war auf der Erde zu leichtfertig auf die Jagd gegangen, hatte Fehler gemacht. Und die Technologie einer außerirdischen Rasse war in die Hände eines Planeten voller Affen gefallen.

Cazador unterdrückte einen anerkennenden Ruf, als sich der Mensch zur Seite rollte, somit den Klauen des Außerirdischen entging, seine Kampflanze in den Mund der Bestie rammte und abdrückte. Der Kopf der Kreatur platzte weg und es regnete im ganzen Raum dickliche Säurebrocken. Der Jäger war erfreut, seine Beute stand fest.

* * *

Anrototh Mwabashi atmete erleichtert auf. Bis jetzt war alles nach Plan verlaufen. Zugegeben, die Idee den Kopf seines Feines platzen zu lassen, die war verwegen. Aber der Effekt war einfach unschlagbar. “Mwabashi an Captain, alle Außerirdischen erledigt.”

“Alle?” Die Stimme von der Erde klang leicht amüsiert.

Der Soldat sah zur Decke auf und gab mit der MAMBA einen Schuss in die Luft ab. Das Tarnfeld des Jägers kollabierte und der Außerirdische wurde sichtbar. Die Magnetisierung des Anzugs brach zusammen und er stürzte nach unten. Das Visier seines Helms zerbarst dabei. Ein leises, ungläubiges Zischen war zu hören.

“Alle. Ich habe auch den Jäger erledigt. Hing genau über mir und hat bis zum Schluss gewartet, anstatt mich im richtigen Augenblick zu erledigen. Ich musste nur genug Blut spritzen lassen und gucken, wo es in der Luft kleben blieb.”

Ein anerkennendes Lachen erfüllte den Helm des TAIPAN. “In den guten alten Zeiten haben wir noch Mehl oder Wasser benutzt. Komm nach Hause, Anrototh. Die Weihnachtsfeier beginnt gleich.”

Mwabashi schaltete die Kommunikation ab und trat gegen den sterbenden Körper des Jägers. “Friss meine Hosen!”

Ende

Copyright (c) 2010 by Günther Kurt Lietz

Katzentod

Katzentod

von

Günther Kurt Lietz

Auf leisen Pfoten schleichend, duckend unter Tischen hinweg, springend über Betten und zwischen Beinen huschend, striff Mortiferus durch die Räume und Flure des Spitals.  Ein flüchtiger Schatten in den Augenwinkeln, ein leises Kratzen auf dem Boden, ein sanfter Druck auf den Schultern. Da hielt der Kater inne, jeden Muskel angespannt, wie erstarrt in der Zeit.

Er hatte ihn gewittert, spürte seine Nähe, hörte das leise Seufzen. Mortiferus bewegte sich. Er hatte ein neues Ziel und rannte nun darauf zu. Die Menschen um ihn herum nahmen den Kater nur als Schemen wahr, schenkten ihm keine Beachtung. Er kam schnell voran. Und schon bald hockte er lauernd vor der richtigen Türe.

Ein Pfleger verließ das Zimmer. Der sich schließende Spalt war breit genug für einen beherzten Satz nach vorne und schon hatte Mortiferus sein Ziel erreicht. Es stank nach Krankheit und Tod – und da stand er auch.

Eine hochgewachsene Gestalt, die schwarze Robe fleckig und straff um den fetten Leib gespannt. Die Kapuze tief nach vorne gezogen, verbarg sie das teigige Gesicht. Kleine Augen blickten gierig auf das Bett hinab, betrachteten den Menschen darin. Die rostige Sense in der Hand des Todes erzitterte, das nahe Ende lag spürbar in der Luft.

Die Frau atmete flach, kaum wahrnehmbar. Ihr weißes Haar war schütter, die Haut faltig und trocken. Ihre Lider flattertern und über die rissigen Lippen entflohen ihr einsame Worte der Erinnerung, Namen, die in ihrem Leben einst etwas bedeuteten. Dieses Leben stand nun vor seinem Ende.

„Mortiferus, ungelegen wie immer. Lagst wohl auf der Lauer.“ Die Stimme des Todes war leise, drohend und gleichzeitig voll kindlischem Zorn. „Zieh Dich zurück! Ich lasse Dich gehen, ohne Hintergedanken.“

Die Antwort des Katers bestand in einem trotzigen Fauchen. Mit einem Satz sprang er aufs Bett und fuhr die Krallen aus. Konzentriert blickt er auf die Sense in der Hand des Todes. Dieser spie aus – eine schwarze, teerartige Masse. Sie verteilte sich über den Boden, begann zu brodeln als würde sie aus dunklen Maden bestehen und löste sich dann in Nichts auf.

„Verdammt!“ Der Tod bewegte sich mit einer Schnelligkeit, die niemand seinem aufgedunsenen Körper zutrauen würde. Das Blatt der Sense zischte kreischend durch die Luft.

Mortiferus stieß sich vom Bett ab. In hohem Bogen flog er über den Schlag hinweg. Der Kater berührte die Wand hinter dem Tod, wand seinen Körper und sprang den Tod von hinten an. Er schlug seine scharfen Krallen in den Rücken und Biss zu. Doch Mortiferus bekam nur den Stoff der Robe zu fassen.

„Verderbter Seelenkater! Lass ab!“ Die Stimme des Todes war schrill, füllte mit ihrem disharmonischem Klang das Zimmer. „Nicht Deine Sache, nicht Deine Sache!“

Ein heftiger Ruck nach vorne und der Kater verlor den Halt. Erneut wirbelte er durch die Luft, doch diesmal unkontrolliert. Hart schlug er auf dem Boden nieder, schüttelte seinen Kopf, der Blick benommen.

Die Sense des Todes schnitt erneut durch die Luft, hielt auf den Schädel Mortiferus’ zu. In diesem Augenblick erlosch die Lebensflamme der Alten, machte sie ihren letzten Seufzer. Ein weißes Licht löste sich aus ihrem Körper, verdichtete sich zu einem hellen Ball. Wärme erfüllte den Raum, denn eine gute Seele war auf dem Weg in die Ewigkeit. Einzig ein Band aus flirrendem Silberlicht hielt sie noch.

„Mein! Sie ist mein!“ Der Tod kreischte, schlug mit der Sense einen Bogen von Mortiferus hinweg zum Silberband. „Du bist zu spät.“

Der Kater spürte die behagliche Wärme der Seele, sah die Gefahr. Erneut stieß er sich ab, warf sich dem Sensenblatt in den Weg. Die Schneide schnitt durch Fell, Haut und Fleisch. Mortiferus wurde gegen die Wand geschleudert und kam auf dem Bett zu liegen. Der Körper des Katers bebte – bebte vor Wut und gerechtem Zorn.

Das Blatt des wahren Todes hätte sein Leben gekostet. Doch die Sensen der falschen Tode besaßen keine echte Macht. Sie dienten nur zum schmerzlichen zerschneiden des Bandes und fingen die Seelen der Unglücklichen. Der wahre Tod hatte den Dämonen und Teufeln das Feld überlassen. Er war hinfort, innerhalb eines Augenblicks verschwunden.

Mortiferus hatte diese plötzliche Leere im Multiversum gespürt. Er war ihr gefolgt und hatte erkannt, was diese Leere für das Leben und die Seelen bedeutete. Und so stellte sich Mortiferus den Höllenwesen, die als falsche Tode auf Seelenraub gingen.

Die Wunden des Katers schlossen sich fließend und der Tod erstarrte in seinen Bewegungen. „Was?“ Ungläubig blickte er auf seinen Feind hin, vergaß gar den Seelenraub. „Seelenkater …“

Ein letztes Mal sprang Moriferus auf seinem Feind zu, warf sich des Katers Körper dem Gesicht der Höllenkreatur entgegen. Die Krallen schlugen unter die Kapuze, fuhren tief in waberndes, weiches Fleisch. Fauliger Geruch erfüllte den Raum, dann sank der falsche Tod in sich zusammen, wurde zu Nichts. Er war hinfort.

Eine Aufgabe blieb noch zu erledigen. Die Seele musste ihrer Bestimmung zugeführt werden, musste den letzten Weg gehen. Doch diese Seele war rein und Mortiferus überließ ihr die Entscheidung. Mit seinen Krallen zerschnitt er sauber das Seelenband. Der Kopf des Katers lag schräg und sein neugieriger Blick betrachtete die Seele. Ihre Entscheidung war gefallen.

Das Licht und die Wärme der Seele verdichteten sich, zogen sich zusammen, nahmen Form und Gestalt an. Eine Katze erblickte das Licht der Welt, eine weitere Seelenkatze, eine Wächterin des Todes.

Ende