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Katzentod

Katzentod

von

Günther Kurt Lietz

Auf leisen Pfoten schleichend, duckend unter Tischen hinweg, springend über Betten und zwischen Beinen huschend, striff Mortiferus durch die Räume und Flure des Spitals.  Ein flüchtiger Schatten in den Augenwinkeln, ein leises Kratzen auf dem Boden, ein sanfter Druck auf den Schultern. Da hielt der Kater inne, jeden Muskel angespannt, wie erstarrt in der Zeit.

Er hatte ihn gewittert, spürte seine Nähe, hörte das leise Seufzen. Mortiferus bewegte sich. Er hatte ein neues Ziel und rannte nun darauf zu. Die Menschen um ihn herum nahmen den Kater nur als Schemen wahr, schenkten ihm keine Beachtung. Er kam schnell voran. Und schon bald hockte er lauernd vor der richtigen Türe.

Ein Pfleger verließ das Zimmer. Der sich schließende Spalt war breit genug für einen beherzten Satz nach vorne und schon hatte Mortiferus sein Ziel erreicht. Es stank nach Krankheit und Tod – und da stand er auch.

Eine hochgewachsene Gestalt, die schwarze Robe fleckig und straff um den fetten Leib gespannt. Die Kapuze tief nach vorne gezogen, verbarg sie das teigige Gesicht. Kleine Augen blickten gierig auf das Bett hinab, betrachteten den Menschen darin. Die rostige Sense in der Hand des Todes erzitterte, das nahe Ende lag spürbar in der Luft.

Die Frau atmete flach, kaum wahrnehmbar. Ihr weißes Haar war schütter, die Haut faltig und trocken. Ihre Lider flattertern und über die rissigen Lippen entflohen ihr einsame Worte der Erinnerung, Namen, die in ihrem Leben einst etwas bedeuteten. Dieses Leben stand nun vor seinem Ende.

„Mortiferus, ungelegen wie immer. Lagst wohl auf der Lauer.“ Die Stimme des Todes war leise, drohend und gleichzeitig voll kindlischem Zorn. „Zieh Dich zurück! Ich lasse Dich gehen, ohne Hintergedanken.“

Die Antwort des Katers bestand in einem trotzigen Fauchen. Mit einem Satz sprang er aufs Bett und fuhr die Krallen aus. Konzentriert blickt er auf die Sense in der Hand des Todes. Dieser spie aus – eine schwarze, teerartige Masse. Sie verteilte sich über den Boden, begann zu brodeln als würde sie aus dunklen Maden bestehen und löste sich dann in Nichts auf.

„Verdammt!“ Der Tod bewegte sich mit einer Schnelligkeit, die niemand seinem aufgedunsenen Körper zutrauen würde. Das Blatt der Sense zischte kreischend durch die Luft.

Mortiferus stieß sich vom Bett ab. In hohem Bogen flog er über den Schlag hinweg. Der Kater berührte die Wand hinter dem Tod, wand seinen Körper und sprang den Tod von hinten an. Er schlug seine scharfen Krallen in den Rücken und Biss zu. Doch Mortiferus bekam nur den Stoff der Robe zu fassen.

„Verderbter Seelenkater! Lass ab!“ Die Stimme des Todes war schrill, füllte mit ihrem disharmonischem Klang das Zimmer. „Nicht Deine Sache, nicht Deine Sache!“

Ein heftiger Ruck nach vorne und der Kater verlor den Halt. Erneut wirbelte er durch die Luft, doch diesmal unkontrolliert. Hart schlug er auf dem Boden nieder, schüttelte seinen Kopf, der Blick benommen.

Die Sense des Todes schnitt erneut durch die Luft, hielt auf den Schädel Mortiferus’ zu. In diesem Augenblick erlosch die Lebensflamme der Alten, machte sie ihren letzten Seufzer. Ein weißes Licht löste sich aus ihrem Körper, verdichtete sich zu einem hellen Ball. Wärme erfüllte den Raum, denn eine gute Seele war auf dem Weg in die Ewigkeit. Einzig ein Band aus flirrendem Silberlicht hielt sie noch.

„Mein! Sie ist mein!“ Der Tod kreischte, schlug mit der Sense einen Bogen von Mortiferus hinweg zum Silberband. „Du bist zu spät.“

Der Kater spürte die behagliche Wärme der Seele, sah die Gefahr. Erneut stieß er sich ab, warf sich dem Sensenblatt in den Weg. Die Schneide schnitt durch Fell, Haut und Fleisch. Mortiferus wurde gegen die Wand geschleudert und kam auf dem Bett zu liegen. Der Körper des Katers bebte – bebte vor Wut und gerechtem Zorn.

Das Blatt des wahren Todes hätte sein Leben gekostet. Doch die Sensen der falschen Tode besaßen keine echte Macht. Sie dienten nur zum schmerzlichen zerschneiden des Bandes und fingen die Seelen der Unglücklichen. Der wahre Tod hatte den Dämonen und Teufeln das Feld überlassen. Er war hinfort, innerhalb eines Augenblicks verschwunden.

Mortiferus hatte diese plötzliche Leere im Multiversum gespürt. Er war ihr gefolgt und hatte erkannt, was diese Leere für das Leben und die Seelen bedeutete. Und so stellte sich Mortiferus den Höllenwesen, die als falsche Tode auf Seelenraub gingen.

Die Wunden des Katers schlossen sich fließend und der Tod erstarrte in seinen Bewegungen. „Was?“ Ungläubig blickte er auf seinen Feind hin, vergaß gar den Seelenraub. „Seelenkater …“

Ein letztes Mal sprang Moriferus auf seinem Feind zu, warf sich des Katers Körper dem Gesicht der Höllenkreatur entgegen. Die Krallen schlugen unter die Kapuze, fuhren tief in waberndes, weiches Fleisch. Fauliger Geruch erfüllte den Raum, dann sank der falsche Tod in sich zusammen, wurde zu Nichts. Er war hinfort.

Eine Aufgabe blieb noch zu erledigen. Die Seele musste ihrer Bestimmung zugeführt werden, musste den letzten Weg gehen. Doch diese Seele war rein und Mortiferus überließ ihr die Entscheidung. Mit seinen Krallen zerschnitt er sauber das Seelenband. Der Kopf des Katers lag schräg und sein neugieriger Blick betrachtete die Seele. Ihre Entscheidung war gefallen.

Das Licht und die Wärme der Seele verdichteten sich, zogen sich zusammen, nahmen Form und Gestalt an. Eine Katze erblickte das Licht der Welt, eine weitere Seelenkatze, eine Wächterin des Todes.

Ende