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Zahnfee – 5.000 FTD

Zahnfee - 5.000 FTD

Summm … summm … summm … Was war das nur für ein Summen? Nastia rutschte auf den Knien bis zur Bettkante und schob vorsichtig ihren Kopf nach vorne über, um unter ihr rosafarbenes Bettchen zu blicken. Nur Staub, ein halbes Brot mit Schokocreme und Schimmel drauf, daneben Marks zerdrückter Plastikdinosaurier und ein altes Malbuch aus der Kita.

Summm … summm … summm … Da! Da war es schon wieder. Irgendwo im Zimmer. Nastia schluckte und kroch zum Kopfende ihres Bettchens. Schnell zog sie ihre Kuscheldecke bis zum Kinn. Die, mit den bunten und lachenden Clowns und Elefanten. Nastias Blicke huschten durchs Zimmer.

Ihre Eltern waren heute Abend zu den Nachbarn eingeladen. Sie spielten dort Karten. Bridge oder Rommé. Dazu gab es kleine Snacks, mit Käse, Weintrauben und Crackern. Und es wurde getrunken. Wein von den Frauen und Bier von den Männern. Jedes erste Wochenende im Monat fanden diese Nachbarschaftstreffen statt. Dann kam immer Steffi ins Haus. Sie war zehn Jahre älter als Nastia. Aber sie ging trotzdem noch zur Schule.

Steffi war sehr zuverlässig, wie Mama fand. Seit zwei Jahren kam sie zum Kinderhüten und nie hatte es Probleme gegeben. Steffi sah recht hübsch aus, wie Papa fand. Manchmal steckte er ihr einen Zehner extra zu. Dann lächelte Steffi artig und bedankte sich mit einem Kuss auf Papas Wangen. Allerdings nur, wenn sie alleine beisammen standen. Das hatte Nastia mal gesehen.

Summm … summm … summm … Vielleicht war es eine dicke Fliege? So ein schwarzer Brummer, wie er manchmal auf der Tonne für Küchenabfälle herumkroch. Oder eine Biene, so eine ganze wilde. Aber es war Herbst. Draußen wurde es früher dunkel, die bunten Blätter fielen von den Bäumen und es war kalt. Zu kalt für Bienen. Das hatten sie in der Schule gelernt. Im Herbst gab es kaum noch Bienen. Aber dafür Kastanien. Nastia hatte für Steffi einen Kastanienclown gebastelt.

Das Summen machte Nastia Angst. Wenigstens brannte das Licht noch. Steffi machte das Licht immer erst dann aus, nachdem sie Nastia ordentlich zugedeckt und ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben hatte. Steffi war richtig lieb. Ein wenig frühreif, wie Mama sagte. In dem Alter sei man halt schon gut gewachsen, hatte Papa gemeint. Und er musste es ja wissen. Nastia hatte vor vier Wochen nämlich gesehen, wie er mit seinen Händen Steffis Brüste ausgemessen hatte. Sicherlich wollte er ihr einen Pulli zu Weihnachten schenken.

Vielleicht unterhielt sich Papa ja gerade mit Steffi. Manchmal kam er nochmal kurz zurück, weil er was vergessen hatte. Er war ja schon alt, wie Mama scherzte. Dann half ihm Steffi schnell beim Suchen. Und wenn sie fertig waren, dann ging Papa wieder zurück zum Kartenspielen.

Heute Abend war Steffi zu spät. Nastia guckte auf ihre Kinderuhr über der Türe. Die Zubettgehzeit war schon lange vorbei. Sie musste schon längst schlafen. Aber Steffi sollte sie noch zudecken und ihr einen Kuss auf die Stirn geben. Und dann machte Steffi ja immer das Licht aus. Erst bei ihr und dann bei Mark. Der war ja auch ein Jahr älter und durfte ein paar Minuten länger aufbleiben.

Mark. Das war die Idee. Nastia jubelte innerlich. Er ging schon in die zweite Klasse und konnte richtig lesen und rechnen. Mark war ihr großer Bruder, er würde auf sie aufpassen.

Nastia nahm ihren ganzen Mut zusammen, dann schwang sie sich aus dem Bett. Mit der Kuscheldecke unter dem Arm lief sie schnell zur Zimmertüre, drückte die Klinke hinunter und rannte dann mit nackten Füßen über den Flur zu Marks Zimmer. Sie machte die Türe auf und stürmte im Dunkeln auf sein Bett zu. Ein Sprung und schon war sie drin. “Mark?” Keine Spur von ihrem großen Bruder. Nur seine Alienbettwäsche. Auf dem Nachttisch stand Marks Roboternachtlich. Nastia drückte auf einen Knopf am Roboter und die Auge leuchteten rot auf. Es wurde etwas heller im Zimmer und sah gruselig aus. Sie drückte nochmals auf den Knopf und das Licht wurde blau. Schon besser. „Mark?“

“Ich bin hier.”, kam es leise aus dem Kleiderschrank. “Sei bloß still. Was willst du?”

“Ich habe Angst. In meinem Zimmer ist so ein komisches Summen. Das will ich nicht hören. Und Steffi hat mich nicht zugedeckt. Und das Licht ist auch noch an.”

Es war kurz ruhig im Schrank. Dann wurde die Türe aufgeschoben und ein kleiner blonder Junge blickte heraus. “Bei mir hat es eben auch gesummt. Aber ich hab keine Angst. Ich bin doch kein Mädchen.”

Nastia nickte. Stimmte. Mark war ein Junge. “Darf ich zu dir in den Schrank kommen?”

“Klar.”

Schon huschte Nastia aus dem Bett und hinüber zu Mark. Nun saßen beide Kinder im Schrank. “Und jetzt?” fragte Nastia leise und sah ihren Bruder ängstlich an. “Vielleicht ist da draußen ein Monster.”

Mark schüttelte den Kopf. “Papa sagt es gibt keine Monster. Das ist ein Ungeheuer. Wetten?”

Nastia bekam ganz große Augen und machte vor Schreck ein paar Tropfen in die Unterhose. “Ein Ungeheuer? Lass uns nach Steffi rufen.”

“Mädchen.”, stöhnte Mark vorwurfsvoll. “Mädchen sind doof. Dann hört uns das Ungeheuer doch. Und dann kommt es und frisst uns auf.”

Sofort klammerte sich Nastia ganz fest an Mark. Daran hatte sie gar nicht gedacht. “Und was machen wir dann?”

“Wir schnappen uns Waffen uns schleichen uns zu Steffi runter. Steffi hat doch die Telefonnummer von Mama und Papa für den Notfall.”

Nastia nickte. Sie war froh, dass ihr Bruder Zeichentrickfilme sah. Deswegen hatte er immer so gute Ideen. Mark schnappte sich seine Wasserpistole und Nastia bekam sein altes Lichtschwert. Die Batterie war zwar beinahe leer, aber ein wenig Licht spendete die Plastikröhre doch noch. Auf allen Vieren schlichen sie zur Türe und blickten auf den Flur hinaus.

Summm … summm … summm … Das Summen war noch immer zu hören, aber es war etwas leiser. “Ich glaube, dass Ungeheuer ist in deinem Zimmer.”, flüsterte Mark. “Was will es denn da?”

Nastia war ganz aufgeregt. “Vielleicht will es meinen Zahn klauen. Den, der mir ausgefallen ist.”

Mark sah seine Schwester verständnislos an. “Was will ein Ungeheuer denn mit deinem Milchzahn? Du bist doch ein Mädchen. Das weiß doch jeder. Zähne von Mädchen sind nichts wert.”

“Menno!” Nastia war eingeschnappt. Manchmal war Mark ein richtiger Idiot. “Das sage ich Mama.”

“Mir doch egal.”

Plötzlich wurde das Summen lauter. Eine helle Lichtkugel, groß wie Nastias Kopf, flog aus dem Mädchenzimmer und raste die Treppe runter. Das Summen war eindeutig von dem Licht ausgegangen. Die beiden Kinder blickten sich an, dann robbten sie auf dem Bauch zur Treppe hinüber und sahen nach unten. “Was war das denn?” flüsterte Nastia aufgeregt. “Hast du das auch gesehen? Da haben Flügel rausgeguckt.”

Mark nickte aufgeregt. “Ja, kleine Flügel. Und aus dem Licht sind winzige Sternchen gefallen.”

Die beiden suchten den Boden ab. Tatsächlich. Überall lagen noch filigrane, goldfarbene Sternchen, die langsam zu kleinen Punkten schmolzen und sich dann gänzlich auflösten. Mark und Nastia waren begeistert.

“Das ist gar kein Ungeheuer.”, rief Nastia aus und sprang auf die Füße. Mark ebenfalls. “Das ist sicher die Zahnfee.”, bemerkte er. Die Kinder ließen Wasserpistole und Plastiklichtschwert fallen, flitzten so schnell sie konnten die Treppe runter und ins Wohnzimmer.

Da stand sie. Umgeben von einer leuchtenden, goldenen Aura, gehüllt in ein rosaweißes Spitzenkleid, um die Hüfte einen silbernen Gürtel, an dem Beutel hingen. Das weizenblonde Haar fiel in schweren Locken weit über die Schultern und die Haut war alabasterfarben. Smaragdgrüne gütige Augen blickten aus einem fein geschnittenen Gesicht und ein Lächeln lag auf den vollen Lippen. Das feengleiche Wesen stand hinter dem Sofa und entzog sich somit ein Stück weit dem Blick der Kinder.

Nastia und Mark stoppten an der Türe zum Wohnzimmer schlagartig. Das musste einfach die Zahnfee sein. Tief in sich wussten sie es einfach. Und Nastias Milchzahn hatte die Zahnfee angelockt. Das Mädchen war stolz und grinste glücklich. Dabei entblößte sie eine niedliche Zahnlücke. Die Zahnfee schaute auf.

Der Blick der Märchenfigur suchte und fand Nastia. Die Zahnfee lächelte. “Ups, da wurde ich wohl erwischt.” Ihre Stimme klang honigsüß. “Manchmal passiert das einfach. Ich bin heute auch mal wieder so ungeschickt.” Die Zahnfee bückte sich, es gab ein knirschendes Geräusch, das von einem schmerzverzerrtem Stöhnen begleitet wurde. Das klang nach Steffi.

Lächelnd richtete sich die Zahnfee auf. In einer Hand hielt sie ein kleines, blutverschmiertes Stemmeisen, in der anderen Hand einen blutig tropfenden Backenzahn.

Hinter dem Sofa wurden nun kalkweiße Hände sichtbar, mit blutigen Fingern, dort, wo die Fingernägel weggebrochen waren. Es war tatsächlich Steffi, die sich langsam über den Boden zog. Ihr rotes Haar war offen und zerzaust. Sie trug keine Bluse mehr, sondern nur noch ihren kleinen Büstenhalter. Ihr Rock hing halb über den Hüften und der Slip war bis zu den Knöcheln hinabgezogen. Überall hatte sie blutige Schrammen und Kratzer. An der Seite drückte sich eine gesplitterte Rippe spitz durch den Körper. Doch am schlimmsten war ihr Gesicht.

In Steffis grünen Augen glitzerte nur noch pure Todeangst. Die Nase war ein blutiger Brei, der sich mit dem Rotz vermischte. Aus einer tiefen Platzwunde auf der Stirn floss unaufhaltsam Blut. Doch wirklich grauenhaft war der Mund. Steffi versucht ein Wort zu sagen und öffnete ihre aufgeplatzten Lippen, doch nur Blut und blutige Blasen fanden ihren Weg. Dort wo einst perfekte Zahnreihen ein noch perfekteres Lächeln gebildet hatten, waren nur noch Löcher. Die Zahnfee hatte ganze Arbeit geleistet.

Nastia und Mark schrien laut auf. Die Zahnfee zog eine beleidigte Schnute, holte mit dem Stemmeisen aus und drosch heftig auf Steffis Hinterkopf ein. Der Schädel zerbarst wie eine  Walnuss unterm Hammerschlag. Hirn und Blut spritzte umher, dann hörte die Zahnfee mit dem Schlagen auf und steckte den Backenzahn in einen ihrer Beutel.

“Ich bestrafe nur böse Kinder, wisst ihr.”, versuchte sich die Zahnfee zu erklären. Sie zuckte mit den Schultern. “Da macht sich niemand Gedanken, wenn denen mal was passiert.” Nastia und Mark waren weiß wie Milch. Mit großen Augen blickten sie auf Steffi. Ihr kindlicher Verstand war gerade dabei zugrunde zu gehen. “Und natürlich beseitige ich auch Augenzeugen. Vor allem, wenn sie so schöne Zähne haben. Wisst ihr, Milchzähne sind etwas ganz besonderes.” Die Zahnfee drehte sich zu den Kindern um und lächelte liebenswürdig, während sie ihr Stemmeisen locker durch die Luft schwang.

Summm … summm … summm … Da war es wieder, dieses Summen. Die Zahnfee hielt kurz inne und sah sich um. Nichts zu sehen. Doch diese Zeitspanne reichte aus, damit die beiden Kinder aus ihrer Starre fielen. Schreiend drehten sie sich auf dem Absatz um und rannten los. Zuerst ins Esszimmer und dann durch die Küche wieder zurück in den Flur. Die Zahnfee verfolgte sie kichernd.

“Da lang!” rief Mark vollkommen außer Atem vor Angst. Er zeigte auf den großen Wandschrank, in dem die Jacken und Schuhe aufbewahrt wurden. Die Kindern stürmten los, rissen die Türe auf und erstarrten. Vor ihnen lag ihr Vater, nur in Unterhose, den Kopf in einem merkwürdigen Winkel verdreht und den Mund weit aufgerissen. Ihm fehlten die Zähne. Stattdessen tropfte noch Blut aus seiner Mundhöhle und blickten die Augen starr vor Überraschung und Tod in weite Ferne.

“Ihr habt mich erwischt. Ich bestrafe auch böse Erwachsene.”, meinte die Zahnfee. Sie hatte sich vor den Kindern aufgebaut. Es gab kein Entkommen mehr. “Und euer Papa war ein sehr böser Erwachsener. Ein sehr, sehr böser. Aber seine Zähne, die waren noch recht gut.” Die Zahnfee holte aus, zielte auf Nastias Kopf und schlug zu.

Summm …! Summm …! Summm …! Das Stemmeisen traf krachend auf einen harten Widerstand. Das Summen klang nun zornig. Vor den Kindern war scheinbar aus dem Nichts die Lichtkugel aufgetaucht und in goldene Sternchen explodiert, die sich, innerhalb eines Wimpernschlages, zu einer winzigen, grazilen Frau neu zusammengesetzt hatten.

Die winzige Frau war wunderschön und auf ihrem Rücken summten wild filigrane Feenflügel. Sie trug eine schwarze Ledermontur, dazu kniehohe Stiefel mit höllisch hohen Absätzen und zusätzlich eine Kevlarweste. Das kleine rote Abzeichen auf der Brust, war kaum zu erkennen, doch es zeigte ein rotes Käppchen und darunter drei Buchstaben in großen Lettern: RHH. Das braune Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, als Kopfbedeckung diente ein rotes Barett. Dieses Wesen hatte sich mutig zwischen die Zahnfee und die Kinder geworfen. In ihren Händen hielt die winzige Frau einen schwarzen Kampfstab, mit dem sie den Schlag der Fee geblockt hatte.

“Bleibt wo ihr seid, ich kümmere mich darum.”, stieß die geflügelte Frau gepresst hervor. Sich der Wucht des Hiebes entgegenzustellen hatte Kraft gekostet, vor allem in der Luft.

“Schlampe!” schrie die Zahnfee auf und drosch zwei weitere Male zu. “Du doofe Elfe.” Ihre Gegnerin sank bei jedem Hieb zwar immer weiter ein Stück nach unten, hielt aber stand. Im Gegenteil, mit wild summenden Flügeln stemmte sich die Elfe der Zahnfee entgegen und schlug das Stemmeisen zur Seite, um dann aufzusteigen und mit einem wirbelnden Rundumtritt das Gesicht der Zahnfee zu treffen. Es gab ein lautes, knackendes Geräusch und Blut schoss aus der Nase, um sich, einer Fontäne gleich, über die winzige Angreiferin zu ergießen.

Mit einem wütenden Schreit holte die Zahnfee erneut aus und trat ihrer Gegnerin mit brachialer Gewalt von unten zwischen die Beine. Mit einem überraschten und schmerzerfüllten Laut knallte die Elfe gegen die Decke und fiel dann kreischend zu Boden, wo sie leise stöhnend liegen blieb. Der Kampfstab glitt ihr aus den Händen.

“Jetzt gebe ich dir den Rest.”, stieß die Zahnfee zornig hervor. Sie ging auf die Knie und holte erneut mit dem Stemmeisen aus. “Stirb!”

Es gab einen lauten Knall und mit einem überraschten Blick kippte die Zahnfee stumm nach vorne, wo sie auf dem toten Vater der Kinder zu liegen kam. Ihn ihrem Rücken war nun ein großes blutiges Loch und eine Pfütze aus glänzendem Blut breitete sich unter ihr aus.

Hinter der toten Zahnfee, im Wohnzimmer, stand ein kleines Mädchen, gehüllt in hautenges rotes Leder, mit goldgelockten Haaren und einem zeitlosen jugendlichen Gesicht. Vielleicht doch kein Mädchen mehr, aber auch noch keine Frau. In den Händen hielt die Kleine eine große Pistole, aus deren Lauf es noch warm dampfte.

“Ich habe dir doch gesagt, du sollst auf mich warten.”, sagte das Mädchen vorwurfsvoll. “Glöckchen, du bist immer so unvorsichtig.”

Die Elfe kämpfte sich stöhnend unter der toten Zahnfee hervor. Sie war voller Blut und keuchte. “Ging nicht anders, Commander. Unbeteiligte Personen in Gefahr.”

“Dein Job ist die Aufklärung. Leise rein, leise raus.”

“Mir tut alles weh. Der Tritt war heftig. Ich hätte etwas mehr Mitleid und auch mal ein Lob verdient.” Glöckchen griff nach ihrem Stab, um sich darauf zu stützen. “Hallo, Kinder.” Sie versuchte zuversichtlich zu lächeln, was ihr nur leidlich gelang.

Mark und Nastia waren entsetzt. Die beiden Geschwister saßen auf dem Boden, hielten sich gegenseitig umklammert und hatten eingenässt. Sie zitterten und Tränen liefen ihnen übers Gesicht.

“Ich bin Major Glöckchen und das ist Commander Rotkäppchen, unsere Befehlshaberin. Wir gehören zu Red Hiding Hood, einer privaten Sicherheitsfirma. Sorry, das ihr das gerade erleben musstet.” Glöckchen griff in ihre Westentasche und holte ein kleines Etui hervor. Sie brauchte erst einmal eine Zigarette, zur Beruhigung. Sobald die blauen Dunstschwaden aufstiegen, ging es ihr besser.

Rotkäppchen hatte die Waffe ins Holster zurückgesteckt und die Zahnfee auf den Rücken gedreht. Blut sickerte aus der Brust der Toten. Das Austrittsloch war um einiges Größer als der Einschuss selbst. Rotkäppchen legte viel Wert auf durchschlagende Waffen. “Wie viel bringt uns hier die Zahnfee?”

Glöckchen klemmte sich den Glimmstängel in den Mundwinkel und holte einen Notizblock aus der Gesäßtasche. “Fünftausend Fairy-Tale-Dollars. Aber ich denke wir können den ganzen eskalierten Scheiß hier ebenfalls geltend machen und noch tausend FTD zusätzlich herausholen.”

“Was machen wir mit den Kindern?” Rotkäppchen kratzte sich ratlos am Hintern. Sie war zufrieden, denn mit dem Kopfgeld konnte sie die laufenden Zahlungen begleichen.

“Weiß nicht. Hier lassen geht nicht. Die haben zu viel gesehen. Aus der Sache einen verdammten Albtraum zu machen geht sicherlich schief. Hat ja Tote gegeben. Da fällt eine Erklärung schwer. Wir sollten sie mitnehmen.”

“Kann Peter nicht was machen?”

Glöckchen schnaubte verdrossen. “Quatsch. Der sitzt jeden Abend mit den Jungs in der Kneipe und lässt sich volllaufen. Sie haben sogar einen Drink nach ihm benannt: Selbstmitleid.”

“Egal, wir finden schon ein Plätzchen für die beiden. Wird schon irgendwie gehen.” Rotkäppchen ging zum Schrank, packte Nastia und Mark beim Kragen und zog sie mit sich. “Stellt euch mal nicht so an. Ihr seid noch am Leben. Wir nehmen euch mit, ihr seht eine wunderbare Märchenwelt, bla bla, voller Magie, bla bla und der ganze andere Kram aus euren Märchenbüchern auch. Glöckchen, machst du das Licht aus?”

Glöckchen nickte. Vor Rotkäppchen öffnete sich ein gleißendes Portal und sie überschritt die Grenze zwischen der Welt der Sterblichen und der Welt der Märchen. Glöckchen drehte in der Küche den Gasherd auf, hakte eine Granate von ihrem Gürtel und ging dann zum Portal hinüber. “Ich hasse Zahnfeen.”, murmelte sie und ließ die Granate über den Boden kullern. Glöckchen verwandelte sich wieder in eine Kugel aus Sternenlicht und Sternenstaub, durchflatterte das Portal und überließ es der nachfolgenden Explosion und dem Feuer, sämtliche Spuren zu vernichten.

Summm … summm … summm …

ENDE

Copyright © 2011 by Günther Kurt Lietz

Jäger versus Mensch

Jäger versus Mensch

Kurzgeschichte von
Günther Kurt Lietz

Die schweren Tritte seines TAIPAN-Kampfanzugs hallten in der Leere des Raums wieder. Anrototh Mwabashi war sich des Lärms bewusst und setzte ihn als Lockmittel ein. In den Händen des hochgewachsenen und gut aussehenden Mannes ruhte eine ausgefahrene MAMBA-Sturmlanze. Sie maß in der Länge ebensoviel wie Mwbashi in der Höhe. Ihre Spitze war verdickt und pulsierte in einem sanften Orange.

Die Sensoren des TAIPAN meldeten den Angreifer und Mwbashi reagierte. Der Mensch ließ sich in einer eleganten Drehung in die Hocke herab. Auf dem Schirm seines Helms kam das Wärmebild einer vierarmigen Kreatur in Sicht, das Maul des eiförmigen Kopfes zum Biss weit aufgerissen. Vom Kampfanzug unterstützt glitt die MAMBA nach oben und die drei roten Punkte ihrer Zielerfassung vereinten sich im Zentrum des Feindes. Mwbashi drückte ab!

Aus der Spitze der Kampflanze löste sich ein Energieblitz und erhellte kurz die düstere und verlassene Brücke des Raumfrachters ORIONS STURZ. Das außerirdische Wesen wurde im Körperzentrum getroffen und nach hinten geschleudert. Es krachte gegen die Rückwand und fiel schwer zu Boden. Mit einem letzten Aufbegehren versuchte es sich erheben, seinem Fluchtinstinkt nachzugeben, scheiterte jedoch kläglich. Heißer, ätzender Dampf stieg von der Kreatur auf.

Mwbashi ging an das Wesen heran und trat gegen den verendenden Körper. In der gepanzerten Haut der Kreatur bildeten sich breite und tiefe Risse. Unter normalen Umständen würde stark ätzendes, säureartige Blut aus den Wunden rinnen und sich durch den Metallboden fressen. Doch der Energiestoß der MAMBA hatte die Zellstruktur verändert. Das Blut war geronnen und zu dicken Klumpen verkommen. Das Wesen starb von Innen heraus, ohne Möglichkeit einer Gegenwehr. Schmerzen und Hoffnungslosigkeit ließen die Kreatur ein letztes Mal erzittern.

“Friss meine Hosen!” Mwbashi hantierte an der MAMBA und glich den Energievorrat der Kampflanze mit dem TAIPAN ab. Der Soldat fluchte leise und schlug mit der flachen Hand gegen das Ende der Waffe. Dann ging er weiter ins Schiff hinein.

Die ORIONS STURZ war bei ihrem Eintritt ins Sonnensystem entdeckt worden. Sie sendete zwar ein Standardprotokoll, aber es gab keine Reaktionen auf Anfragen der Flugsicherheit. Die Mondstation hatte daraufhin einen Notfallkode übermittelt und das Programm des Navigatonscomputers überschrieben. Anschließend wurde Mwbashi losgeschickt, um nach dem Rechten zu sehen.

Der Soldat war für solche Fälle ausgebildet. Er gehörte zu einer Spezialeinheit aus Wales, die sich außerirdische Technologien zueigen machte. Die Sicherheit Englands, der Erde und des Sonnensystems standen stets auf dem Spiel, wenn er oder einer seiner Kollegen angefordert wurden. So auch in diesem Fall.

An Bord der ORIONS STURZ herrschte Totenstille. Das Raumschiff hatte vier Besatzungsmitglieder, die nun allesamt tot waren. Die Außerirdischen missbrauchten die Körper der Menschen als Wirte. Das war ihre Natur – und dafür mussten sie vernichtet werden. Die Kreaturen kannten weder Mitleid noch Gnade. Sie spürten keine Freude am Töten. Sie waren einzig und alleine aufs Überleben aus. Ihre Körper passten sich innerhalb einer Generation an neue Umweltbedingungen an. Evolution im Zeitraffer.

Mwbashi mochte die Außerirdischen. Obwohl sie tödlich waren und den Menschen in jeglicher Hinsicht überlegen, waren es ehrliche Gegner. Sie ließen keine Fragen offen, suchten kein klärendes Gespräch und Hinterhältigkeit war ihnen nur im Sinne eines Sprungs in den Rücken bekannt. Das war ein ehrlicher Umgang miteinander. Du oder ich!

* * *

Über den Sichtschirm von Cazador liefen unzählige Sensormeldungen und wurden stetig angepasst. Der Jäger hatte seinen Kampfanzug magnetisiert und hing über dem Menschen an der Decke. Das Tarnfeld war aktiviert und so konnte er in Ruhe den Mann beobachten. Cazador zollte ihm Respekt, denn immerhin hatte er nun bereits den dritten Säurespucker ausgeschaltet. Dieser Mensch war vielleicht die perfekte Beute und würde eine hervorragende Trophäe abgeben.

Lautlos und im Schutz des Tarnfelds folgte Cazador dem Mann. Dem Jäger war aufgefallen, dass der Kampfanzug des Menschen zu viel Energie verschlang und somit die Effektivität der Kampflanze mit jedem Schuss reduzierte. Da! Das dritte Jungtier war nun ebenfalls vernichtet. Das würde dem Mutterwesen missfallen. Laut Cazadors Sensoren bewegte es sich bereits auf ihre Position zu. Es würde ein spannender Kampf werden und der Sieger zur Beute des Jägers. Es war eine gute Idee, das Schiff der Menschen mit einem Säurespucker zu infizieren. Die natürliche Auslese würde zeigen, was für eine Trophäe er in die Halle der Jäger bringen würde.

Der große Säurespucker brach nun durch das Schott und sprang auf den Menschen zu. Der hantierte an der Energiezufuhr seiner Kampflanze und wich im letzten Augenblick dem Zungenstoß des Spuckers aus. Eine beachtliche Reaktion, erkannte Cazador an. Das war jedoch weitgehend der Verdienst des Kampfanzugs, den die Menschen gestohlen hatten. Sie waren in ihrer Entwicklung zu primitiv für solche Technlogien.

Nein, die von dem Menschen eingesetzte Technik war außerirdischen Ursprungs und von Cazadors Volk entwickelt worden. Einst auf den Krieg und dann auf die Jagd optimiert, war sie jeglicher menschlichen Technologie weit überlegen. Doch einer der Jäger war selbst zur Beute geworden. Er war auf der Erde zu leichtfertig auf die Jagd gegangen, hatte Fehler gemacht. Und die Technologie einer außerirdischen Rasse war in die Hände eines Planeten voller Affen gefallen.

Cazador unterdrückte einen anerkennenden Ruf, als sich der Mensch zur Seite rollte, somit den Klauen des Außerirdischen entging, seine Kampflanze in den Mund der Bestie rammte und abdrückte. Der Kopf der Kreatur platzte weg und es regnete im ganzen Raum dickliche Säurebrocken. Der Jäger war erfreut, seine Beute stand fest.

* * *

Anrototh Mwabashi atmete erleichtert auf. Bis jetzt war alles nach Plan verlaufen. Zugegeben, die Idee den Kopf seines Feines platzen zu lassen, die war verwegen. Aber der Effekt war einfach unschlagbar. “Mwabashi an Captain, alle Außerirdischen erledigt.”

“Alle?” Die Stimme von der Erde klang leicht amüsiert.

Der Soldat sah zur Decke auf und gab mit der MAMBA einen Schuss in die Luft ab. Das Tarnfeld des Jägers kollabierte und der Außerirdische wurde sichtbar. Die Magnetisierung des Anzugs brach zusammen und er stürzte nach unten. Das Visier seines Helms zerbarst dabei. Ein leises, ungläubiges Zischen war zu hören.

“Alle. Ich habe auch den Jäger erledigt. Hing genau über mir und hat bis zum Schluss gewartet, anstatt mich im richtigen Augenblick zu erledigen. Ich musste nur genug Blut spritzen lassen und gucken, wo es in der Luft kleben blieb.”

Ein anerkennendes Lachen erfüllte den Helm des TAIPAN. “In den guten alten Zeiten haben wir noch Mehl oder Wasser benutzt. Komm nach Hause, Anrototh. Die Weihnachtsfeier beginnt gleich.”

Mwabashi schaltete die Kommunikation ab und trat gegen den sterbenden Körper des Jägers. “Friss meine Hosen!”

Ende

Copyright (c) 2010 by Günther Kurt Lietz

Von der Logik eines Telefonats

Von der Logik eines Telefonats

Eine Kurzgeschichte von

Günther Kurt Lietz

Eine Rechnung flattert ins Haus. Man liest sie und bemerkt nebenbei, dass sie falsch ist. Doch der umsichtige Absender vermerkte seine Anschrift, die Kundennummer und die Durchwahl. Also greift man zum Telefonhörer und macht sich daran, das Problem zu lösen.

Es klingelt durch. Einmal, zweimal, mehrmals, vielmals und keiner geht ran. Also ein zweiter Versuch wenige Minuten später. Und man hat Erfolg. Eine nette Dame flötet mir mit freundlicher Stimme ins Ohr: „Der Herr Sachbearbeiter ist nicht da. Er ruft sie gleich zurück. Danke für ihr Verständnis. Wiederhören.“

Man wartet, den Blick aufs Telefon geheftet und das Schreiben vor sich auf dem Tisch liegend. Langsam drückt die Blase und fordert ihr Recht. Aber wenn der Mann ausgerechnet jetzt anruft? Schweiß bricht aus. Soll ich gehen? Bin ich schnell genug? Vielleicht klingelt es gerade wenn ich die Hose runterlasse. Man wartet, hält ein, wird vom eigenen Körper gepeinigt und geht schließlich doch auf Klo, immer ein Ohr zum Telefon hin. Und … es klingelt nicht!

Nach dem Toilettengang wartet man also weiter. Und wartet, kocht das Mittagessen, wartet, kümmert sich um die Hausaufgaben der lieben Kleinen, wartet, liest einige Seiten eines guten Buches, wartet und – es klingelt. Also geht man ran, leicht erbost über das Warten. Doch es ist nur die Oma und sie will hören was es Neues gibt. „Ich warte!“ kommt es schon laut über die Lippen und der Hörer liegt auf der Gabel. Und man wartet weiter.

Bis es dann klingelt und der Sachbearbeiter sich bequemte doch anzurufen. Ich gebe ihm Namen, Adresse und Kundennummer. Er sucht im Computer und fragt dann: „Sind sie es wirklich?“

„Was? Genervt?“ will man unwirsch fragen, doch ist man lieber höflich und lächelt, obwohl der gute Mann das Lächeln nicht sieht. „Natürlich.“, erkläre ich und frage mich, wer sonst wegen meiner unbezahlten Rechnung anrufen sollte.

„Hm, nun, dann sehen wir mal nach.“, murmelt der Mann vor sich hin und ich höre Tasten anschlagen. Er macht seine Arbeit und gleich wird sich alles auflösen. „Sie haben die letzten zwei Anträge zu spät abgegeben. Da mussten wir also höhere Beiträge anrechnen.“

Klingt vernünftig. Ist aber falsch. „Hier im Schrieb steht sechzig Euro für zwei Monate. Wegen zu spät abgegeben? Ich war pünktlich.“

„Moment.“, kommt es vom anderen Ende und ich muss warten. Aber darin habe ich langsam Übung. Ich glaube allerdings, der Mann glaubt mir nicht, dass ich glaubwürdig bin. Und dann ist er schon wieder da. „Hallo? Sind sie noch dran? Ich habe mir die Unterlagen gezogen. Sie haben zu spät abgegeben.“

„Das kann nicht sein.“, erwidere ich nun etwas unwirsch und bereue meinen Ton sofort. Es ist vielleicht unklug so mit ihm zu reden. Immerhin will ich etwas von ihm. Papier raschelt und siehe da – ich habe Erfolg.

„Tatsächlich. Ich habe eine drei für eine acht gehalten. Sie waren pünktlich.“ Na Gott sei Dank. „Mit einem Antrag.“ Und schon nehme ich meinen Dank wieder zurück.

Es kommt zu einem kurzen Wortwechsel und ich sehe ein, der Mann kann nicht gut gucken. Also lass ich mich breitschlagen und akzeptiere für einen Monat Verspätung. Ich will ja nicht kleinlich sein, wegen dreißig Euro für einen Monat. Ich bin doch kein Erbsenzähler.

„Hören sie, ich habe die Beiträge gerade neu berechnet.“ Gut, wenigstens kann er Kopfrechnen. „Das macht dann dreihundert Euro.“ Oder auch nicht. Oder er hat eine Null zu viel hinten angehangen.

„Bitte?“ frage ich langgezogen. „Dreihundert? Das muss ein Fehler sein.“

Und er rechnet wieder und ich warte wieder. „Sie haben recht. Entschuldigung.“ Nun, lieber ein spätes Einsehen als gar kein Einsehen. „Es sind nur hundert Euro.“

Da hätte er auch einen Hundertwasser verlangen können. „Bitte? In ihrem Schreiben steht zwei Monate zusammen für sechzig Euro.“ Langsam meldet sich die Blase wieder zu Wort. Sehr ungünstig für mich. Der Druck wächst, auf beiden Seiten, am Ohr und in der Blase. „Wie kommen sie denn auf hundert Euro?“

„Das ist nun einmal so. Außerdem habe ich ihnen gar kein Schreiben geschickt, worin steht, zwei Monate und sechzig Euro.“, merkt er unhöflich an.

„Aber ich habe das Schreiben vor mir liegen. Schwarz auf Weiß.“

„Ich habe kein Schreiben geschickt.“, sagt er und bleibt hart. Der Mann ist strohdumm und stur. Eine gefährliche Kombination.

Ich beschließe erst einmal klein beizugeben, zu tun als wäre ich einverstanden und nach dem Gespräch meine Blase zu leeren. „Gut, dann schicken sie mir aber bitte eine neue Rechnung.“ Mit zwei Schreiben werde ich in einigen Tagen persönlich vorbeigehen und ihm die Papiere unter die Nase reiben. Ein schöner Plan, den ich da gerade fasse.

„Schön, dass sie das endlich einsehen, mein Herr. Ich schicke ihnen dann eine neue Rechnung zu. Die alte werfen sie ruhig weg.“

„Die Rechnung?“ frage ich, denn meine Frau wird er wohl kaum meinen.

„Das habe ich nicht gesagt. Ich habe ihnen keine Rechnung geschickt.“, erklärt er, müde vom Gespräch. Wahrscheinlich meint er doch die Frau.

„Na gut. Auf Wiederhören.“, verabschiede ich mich und renne zur Toilette.

Und das Ende vom Lied, die Moral der Geschichte, die Pointe des Witzes? Ich habe meine alte Rechnung noch immer, eine neue kam nie bei mir an und alles löste sich in Wohlgefallen auf. Unter dem Strich bleibt ein Dummkopf. Und das bin vielleicht ich, aber bestimmt der nette Mann am anderen Ende des Hörers.

Ende