Zahnfee – 5.000 FTD

Zahnfee - 5.000 FTD

Summm … summm … summm … Was war das nur für ein Summen? Nastia rutschte auf den Knien bis zur Bettkante und schob vorsichtig ihren Kopf nach vorne über, um unter ihr rosafarbenes Bettchen zu blicken. Nur Staub, ein halbes Brot mit Schokocreme und Schimmel drauf, daneben Marks zerdrückter Plastikdinosaurier und ein altes Malbuch aus der Kita.

Summm … summm … summm … Da! Da war es schon wieder. Irgendwo im Zimmer. Nastia schluckte und kroch zum Kopfende ihres Bettchens. Schnell zog sie ihre Kuscheldecke bis zum Kinn. Die, mit den bunten und lachenden Clowns und Elefanten. Nastias Blicke huschten durchs Zimmer.

Ihre Eltern waren heute Abend zu den Nachbarn eingeladen. Sie spielten dort Karten. Bridge oder Rommé. Dazu gab es kleine Snacks, mit Käse, Weintrauben und Crackern. Und es wurde getrunken. Wein von den Frauen und Bier von den Männern. Jedes erste Wochenende im Monat fanden diese Nachbarschaftstreffen statt. Dann kam immer Steffi ins Haus. Sie war zehn Jahre älter als Nastia. Aber sie ging trotzdem noch zur Schule.

Steffi war sehr zuverlässig, wie Mama fand. Seit zwei Jahren kam sie zum Kinderhüten und nie hatte es Probleme gegeben. Steffi sah recht hübsch aus, wie Papa fand. Manchmal steckte er ihr einen Zehner extra zu. Dann lächelte Steffi artig und bedankte sich mit einem Kuss auf Papas Wangen. Allerdings nur, wenn sie alleine beisammen standen. Das hatte Nastia mal gesehen.

Summm … summm … summm … Vielleicht war es eine dicke Fliege? So ein schwarzer Brummer, wie er manchmal auf der Tonne für Küchenabfälle herumkroch. Oder eine Biene, so eine ganze wilde. Aber es war Herbst. Draußen wurde es früher dunkel, die bunten Blätter fielen von den Bäumen und es war kalt. Zu kalt für Bienen. Das hatten sie in der Schule gelernt. Im Herbst gab es kaum noch Bienen. Aber dafür Kastanien. Nastia hatte für Steffi einen Kastanienclown gebastelt.

Das Summen machte Nastia Angst. Wenigstens brannte das Licht noch. Steffi machte das Licht immer erst dann aus, nachdem sie Nastia ordentlich zugedeckt und ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben hatte. Steffi war richtig lieb. Ein wenig frühreif, wie Mama sagte. In dem Alter sei man halt schon gut gewachsen, hatte Papa gemeint. Und er musste es ja wissen. Nastia hatte vor vier Wochen nämlich gesehen, wie er mit seinen Händen Steffis Brüste ausgemessen hatte. Sicherlich wollte er ihr einen Pulli zu Weihnachten schenken.

Vielleicht unterhielt sich Papa ja gerade mit Steffi. Manchmal kam er nochmal kurz zurück, weil er was vergessen hatte. Er war ja schon alt, wie Mama scherzte. Dann half ihm Steffi schnell beim Suchen. Und wenn sie fertig waren, dann ging Papa wieder zurück zum Kartenspielen.

Heute Abend war Steffi zu spät. Nastia guckte auf ihre Kinderuhr über der Türe. Die Zubettgehzeit war schon lange vorbei. Sie musste schon längst schlafen. Aber Steffi sollte sie noch zudecken und ihr einen Kuss auf die Stirn geben. Und dann machte Steffi ja immer das Licht aus. Erst bei ihr und dann bei Mark. Der war ja auch ein Jahr älter und durfte ein paar Minuten länger aufbleiben.

Mark. Das war die Idee. Nastia jubelte innerlich. Er ging schon in die zweite Klasse und konnte richtig lesen und rechnen. Mark war ihr großer Bruder, er würde auf sie aufpassen.

Nastia nahm ihren ganzen Mut zusammen, dann schwang sie sich aus dem Bett. Mit der Kuscheldecke unter dem Arm lief sie schnell zur Zimmertüre, drückte die Klinke hinunter und rannte dann mit nackten Füßen über den Flur zu Marks Zimmer. Sie machte die Türe auf und stürmte im Dunkeln auf sein Bett zu. Ein Sprung und schon war sie drin. “Mark?” Keine Spur von ihrem großen Bruder. Nur seine Alienbettwäsche. Auf dem Nachttisch stand Marks Roboternachtlich. Nastia drückte auf einen Knopf am Roboter und die Auge leuchteten rot auf. Es wurde etwas heller im Zimmer und sah gruselig aus. Sie drückte nochmals auf den Knopf und das Licht wurde blau. Schon besser. „Mark?“

“Ich bin hier.”, kam es leise aus dem Kleiderschrank. “Sei bloß still. Was willst du?”

“Ich habe Angst. In meinem Zimmer ist so ein komisches Summen. Das will ich nicht hören. Und Steffi hat mich nicht zugedeckt. Und das Licht ist auch noch an.”

Es war kurz ruhig im Schrank. Dann wurde die Türe aufgeschoben und ein kleiner blonder Junge blickte heraus. “Bei mir hat es eben auch gesummt. Aber ich hab keine Angst. Ich bin doch kein Mädchen.”

Nastia nickte. Stimmte. Mark war ein Junge. “Darf ich zu dir in den Schrank kommen?”

“Klar.”

Schon huschte Nastia aus dem Bett und hinüber zu Mark. Nun saßen beide Kinder im Schrank. “Und jetzt?” fragte Nastia leise und sah ihren Bruder ängstlich an. “Vielleicht ist da draußen ein Monster.”

Mark schüttelte den Kopf. “Papa sagt es gibt keine Monster. Das ist ein Ungeheuer. Wetten?”

Nastia bekam ganz große Augen und machte vor Schreck ein paar Tropfen in die Unterhose. “Ein Ungeheuer? Lass uns nach Steffi rufen.”

“Mädchen.”, stöhnte Mark vorwurfsvoll. “Mädchen sind doof. Dann hört uns das Ungeheuer doch. Und dann kommt es und frisst uns auf.”

Sofort klammerte sich Nastia ganz fest an Mark. Daran hatte sie gar nicht gedacht. “Und was machen wir dann?”

“Wir schnappen uns Waffen uns schleichen uns zu Steffi runter. Steffi hat doch die Telefonnummer von Mama und Papa für den Notfall.”

Nastia nickte. Sie war froh, dass ihr Bruder Zeichentrickfilme sah. Deswegen hatte er immer so gute Ideen. Mark schnappte sich seine Wasserpistole und Nastia bekam sein altes Lichtschwert. Die Batterie war zwar beinahe leer, aber ein wenig Licht spendete die Plastikröhre doch noch. Auf allen Vieren schlichen sie zur Türe und blickten auf den Flur hinaus.

Summm … summm … summm … Das Summen war noch immer zu hören, aber es war etwas leiser. “Ich glaube, dass Ungeheuer ist in deinem Zimmer.”, flüsterte Mark. “Was will es denn da?”

Nastia war ganz aufgeregt. “Vielleicht will es meinen Zahn klauen. Den, der mir ausgefallen ist.”

Mark sah seine Schwester verständnislos an. “Was will ein Ungeheuer denn mit deinem Milchzahn? Du bist doch ein Mädchen. Das weiß doch jeder. Zähne von Mädchen sind nichts wert.”

“Menno!” Nastia war eingeschnappt. Manchmal war Mark ein richtiger Idiot. “Das sage ich Mama.”

“Mir doch egal.”

Plötzlich wurde das Summen lauter. Eine helle Lichtkugel, groß wie Nastias Kopf, flog aus dem Mädchenzimmer und raste die Treppe runter. Das Summen war eindeutig von dem Licht ausgegangen. Die beiden Kinder blickten sich an, dann robbten sie auf dem Bauch zur Treppe hinüber und sahen nach unten. “Was war das denn?” flüsterte Nastia aufgeregt. “Hast du das auch gesehen? Da haben Flügel rausgeguckt.”

Mark nickte aufgeregt. “Ja, kleine Flügel. Und aus dem Licht sind winzige Sternchen gefallen.”

Die beiden suchten den Boden ab. Tatsächlich. Überall lagen noch filigrane, goldfarbene Sternchen, die langsam zu kleinen Punkten schmolzen und sich dann gänzlich auflösten. Mark und Nastia waren begeistert.

“Das ist gar kein Ungeheuer.”, rief Nastia aus und sprang auf die Füße. Mark ebenfalls. “Das ist sicher die Zahnfee.”, bemerkte er. Die Kinder ließen Wasserpistole und Plastiklichtschwert fallen, flitzten so schnell sie konnten die Treppe runter und ins Wohnzimmer.

Da stand sie. Umgeben von einer leuchtenden, goldenen Aura, gehüllt in ein rosaweißes Spitzenkleid, um die Hüfte einen silbernen Gürtel, an dem Beutel hingen. Das weizenblonde Haar fiel in schweren Locken weit über die Schultern und die Haut war alabasterfarben. Smaragdgrüne gütige Augen blickten aus einem fein geschnittenen Gesicht und ein Lächeln lag auf den vollen Lippen. Das feengleiche Wesen stand hinter dem Sofa und entzog sich somit ein Stück weit dem Blick der Kinder.

Nastia und Mark stoppten an der Türe zum Wohnzimmer schlagartig. Das musste einfach die Zahnfee sein. Tief in sich wussten sie es einfach. Und Nastias Milchzahn hatte die Zahnfee angelockt. Das Mädchen war stolz und grinste glücklich. Dabei entblößte sie eine niedliche Zahnlücke. Die Zahnfee schaute auf.

Der Blick der Märchenfigur suchte und fand Nastia. Die Zahnfee lächelte. “Ups, da wurde ich wohl erwischt.” Ihre Stimme klang honigsüß. “Manchmal passiert das einfach. Ich bin heute auch mal wieder so ungeschickt.” Die Zahnfee bückte sich, es gab ein knirschendes Geräusch, das von einem schmerzverzerrtem Stöhnen begleitet wurde. Das klang nach Steffi.

Lächelnd richtete sich die Zahnfee auf. In einer Hand hielt sie ein kleines, blutverschmiertes Stemmeisen, in der anderen Hand einen blutig tropfenden Backenzahn.

Hinter dem Sofa wurden nun kalkweiße Hände sichtbar, mit blutigen Fingern, dort, wo die Fingernägel weggebrochen waren. Es war tatsächlich Steffi, die sich langsam über den Boden zog. Ihr rotes Haar war offen und zerzaust. Sie trug keine Bluse mehr, sondern nur noch ihren kleinen Büstenhalter. Ihr Rock hing halb über den Hüften und der Slip war bis zu den Knöcheln hinabgezogen. Überall hatte sie blutige Schrammen und Kratzer. An der Seite drückte sich eine gesplitterte Rippe spitz durch den Körper. Doch am schlimmsten war ihr Gesicht.

In Steffis grünen Augen glitzerte nur noch pure Todeangst. Die Nase war ein blutiger Brei, der sich mit dem Rotz vermischte. Aus einer tiefen Platzwunde auf der Stirn floss unaufhaltsam Blut. Doch wirklich grauenhaft war der Mund. Steffi versucht ein Wort zu sagen und öffnete ihre aufgeplatzten Lippen, doch nur Blut und blutige Blasen fanden ihren Weg. Dort wo einst perfekte Zahnreihen ein noch perfekteres Lächeln gebildet hatten, waren nur noch Löcher. Die Zahnfee hatte ganze Arbeit geleistet.

Nastia und Mark schrien laut auf. Die Zahnfee zog eine beleidigte Schnute, holte mit dem Stemmeisen aus und drosch heftig auf Steffis Hinterkopf ein. Der Schädel zerbarst wie eine  Walnuss unterm Hammerschlag. Hirn und Blut spritzte umher, dann hörte die Zahnfee mit dem Schlagen auf und steckte den Backenzahn in einen ihrer Beutel.

“Ich bestrafe nur böse Kinder, wisst ihr.”, versuchte sich die Zahnfee zu erklären. Sie zuckte mit den Schultern. “Da macht sich niemand Gedanken, wenn denen mal was passiert.” Nastia und Mark waren weiß wie Milch. Mit großen Augen blickten sie auf Steffi. Ihr kindlicher Verstand war gerade dabei zugrunde zu gehen. “Und natürlich beseitige ich auch Augenzeugen. Vor allem, wenn sie so schöne Zähne haben. Wisst ihr, Milchzähne sind etwas ganz besonderes.” Die Zahnfee drehte sich zu den Kindern um und lächelte liebenswürdig, während sie ihr Stemmeisen locker durch die Luft schwang.

Summm … summm … summm … Da war es wieder, dieses Summen. Die Zahnfee hielt kurz inne und sah sich um. Nichts zu sehen. Doch diese Zeitspanne reichte aus, damit die beiden Kinder aus ihrer Starre fielen. Schreiend drehten sie sich auf dem Absatz um und rannten los. Zuerst ins Esszimmer und dann durch die Küche wieder zurück in den Flur. Die Zahnfee verfolgte sie kichernd.

“Da lang!” rief Mark vollkommen außer Atem vor Angst. Er zeigte auf den großen Wandschrank, in dem die Jacken und Schuhe aufbewahrt wurden. Die Kindern stürmten los, rissen die Türe auf und erstarrten. Vor ihnen lag ihr Vater, nur in Unterhose, den Kopf in einem merkwürdigen Winkel verdreht und den Mund weit aufgerissen. Ihm fehlten die Zähne. Stattdessen tropfte noch Blut aus seiner Mundhöhle und blickten die Augen starr vor Überraschung und Tod in weite Ferne.

“Ihr habt mich erwischt. Ich bestrafe auch böse Erwachsene.”, meinte die Zahnfee. Sie hatte sich vor den Kindern aufgebaut. Es gab kein Entkommen mehr. “Und euer Papa war ein sehr böser Erwachsener. Ein sehr, sehr böser. Aber seine Zähne, die waren noch recht gut.” Die Zahnfee holte aus, zielte auf Nastias Kopf und schlug zu.

Summm …! Summm …! Summm …! Das Stemmeisen traf krachend auf einen harten Widerstand. Das Summen klang nun zornig. Vor den Kindern war scheinbar aus dem Nichts die Lichtkugel aufgetaucht und in goldene Sternchen explodiert, die sich, innerhalb eines Wimpernschlages, zu einer winzigen, grazilen Frau neu zusammengesetzt hatten.

Die winzige Frau war wunderschön und auf ihrem Rücken summten wild filigrane Feenflügel. Sie trug eine schwarze Ledermontur, dazu kniehohe Stiefel mit höllisch hohen Absätzen und zusätzlich eine Kevlarweste. Das kleine rote Abzeichen auf der Brust, war kaum zu erkennen, doch es zeigte ein rotes Käppchen und darunter drei Buchstaben in großen Lettern: RHH. Das braune Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, als Kopfbedeckung diente ein rotes Barett. Dieses Wesen hatte sich mutig zwischen die Zahnfee und die Kinder geworfen. In ihren Händen hielt die winzige Frau einen schwarzen Kampfstab, mit dem sie den Schlag der Fee geblockt hatte.

“Bleibt wo ihr seid, ich kümmere mich darum.”, stieß die geflügelte Frau gepresst hervor. Sich der Wucht des Hiebes entgegenzustellen hatte Kraft gekostet, vor allem in der Luft.

“Schlampe!” schrie die Zahnfee auf und drosch zwei weitere Male zu. “Du doofe Elfe.” Ihre Gegnerin sank bei jedem Hieb zwar immer weiter ein Stück nach unten, hielt aber stand. Im Gegenteil, mit wild summenden Flügeln stemmte sich die Elfe der Zahnfee entgegen und schlug das Stemmeisen zur Seite, um dann aufzusteigen und mit einem wirbelnden Rundumtritt das Gesicht der Zahnfee zu treffen. Es gab ein lautes, knackendes Geräusch und Blut schoss aus der Nase, um sich, einer Fontäne gleich, über die winzige Angreiferin zu ergießen.

Mit einem wütenden Schreit holte die Zahnfee erneut aus und trat ihrer Gegnerin mit brachialer Gewalt von unten zwischen die Beine. Mit einem überraschten und schmerzerfüllten Laut knallte die Elfe gegen die Decke und fiel dann kreischend zu Boden, wo sie leise stöhnend liegen blieb. Der Kampfstab glitt ihr aus den Händen.

“Jetzt gebe ich dir den Rest.”, stieß die Zahnfee zornig hervor. Sie ging auf die Knie und holte erneut mit dem Stemmeisen aus. “Stirb!”

Es gab einen lauten Knall und mit einem überraschten Blick kippte die Zahnfee stumm nach vorne, wo sie auf dem toten Vater der Kinder zu liegen kam. Ihn ihrem Rücken war nun ein großes blutiges Loch und eine Pfütze aus glänzendem Blut breitete sich unter ihr aus.

Hinter der toten Zahnfee, im Wohnzimmer, stand ein kleines Mädchen, gehüllt in hautenges rotes Leder, mit goldgelockten Haaren und einem zeitlosen jugendlichen Gesicht. Vielleicht doch kein Mädchen mehr, aber auch noch keine Frau. In den Händen hielt die Kleine eine große Pistole, aus deren Lauf es noch warm dampfte.

“Ich habe dir doch gesagt, du sollst auf mich warten.”, sagte das Mädchen vorwurfsvoll. “Glöckchen, du bist immer so unvorsichtig.”

Die Elfe kämpfte sich stöhnend unter der toten Zahnfee hervor. Sie war voller Blut und keuchte. “Ging nicht anders, Commander. Unbeteiligte Personen in Gefahr.”

“Dein Job ist die Aufklärung. Leise rein, leise raus.”

“Mir tut alles weh. Der Tritt war heftig. Ich hätte etwas mehr Mitleid und auch mal ein Lob verdient.” Glöckchen griff nach ihrem Stab, um sich darauf zu stützen. “Hallo, Kinder.” Sie versuchte zuversichtlich zu lächeln, was ihr nur leidlich gelang.

Mark und Nastia waren entsetzt. Die beiden Geschwister saßen auf dem Boden, hielten sich gegenseitig umklammert und hatten eingenässt. Sie zitterten und Tränen liefen ihnen übers Gesicht.

“Ich bin Major Glöckchen und das ist Commander Rotkäppchen, unsere Befehlshaberin. Wir gehören zu Red Hiding Hood, einer privaten Sicherheitsfirma. Sorry, das ihr das gerade erleben musstet.” Glöckchen griff in ihre Westentasche und holte ein kleines Etui hervor. Sie brauchte erst einmal eine Zigarette, zur Beruhigung. Sobald die blauen Dunstschwaden aufstiegen, ging es ihr besser.

Rotkäppchen hatte die Waffe ins Holster zurückgesteckt und die Zahnfee auf den Rücken gedreht. Blut sickerte aus der Brust der Toten. Das Austrittsloch war um einiges Größer als der Einschuss selbst. Rotkäppchen legte viel Wert auf durchschlagende Waffen. “Wie viel bringt uns hier die Zahnfee?”

Glöckchen klemmte sich den Glimmstängel in den Mundwinkel und holte einen Notizblock aus der Gesäßtasche. “Fünftausend Fairy-Tale-Dollars. Aber ich denke wir können den ganzen eskalierten Scheiß hier ebenfalls geltend machen und noch tausend FTD zusätzlich herausholen.”

“Was machen wir mit den Kindern?” Rotkäppchen kratzte sich ratlos am Hintern. Sie war zufrieden, denn mit dem Kopfgeld konnte sie die laufenden Zahlungen begleichen.

“Weiß nicht. Hier lassen geht nicht. Die haben zu viel gesehen. Aus der Sache einen verdammten Albtraum zu machen geht sicherlich schief. Hat ja Tote gegeben. Da fällt eine Erklärung schwer. Wir sollten sie mitnehmen.”

“Kann Peter nicht was machen?”

Glöckchen schnaubte verdrossen. “Quatsch. Der sitzt jeden Abend mit den Jungs in der Kneipe und lässt sich volllaufen. Sie haben sogar einen Drink nach ihm benannt: Selbstmitleid.”

“Egal, wir finden schon ein Plätzchen für die beiden. Wird schon irgendwie gehen.” Rotkäppchen ging zum Schrank, packte Nastia und Mark beim Kragen und zog sie mit sich. “Stellt euch mal nicht so an. Ihr seid noch am Leben. Wir nehmen euch mit, ihr seht eine wunderbare Märchenwelt, bla bla, voller Magie, bla bla und der ganze andere Kram aus euren Märchenbüchern auch. Glöckchen, machst du das Licht aus?”

Glöckchen nickte. Vor Rotkäppchen öffnete sich ein gleißendes Portal und sie überschritt die Grenze zwischen der Welt der Sterblichen und der Welt der Märchen. Glöckchen drehte in der Küche den Gasherd auf, hakte eine Granate von ihrem Gürtel und ging dann zum Portal hinüber. “Ich hasse Zahnfeen.”, murmelte sie und ließ die Granate über den Boden kullern. Glöckchen verwandelte sich wieder in eine Kugel aus Sternenlicht und Sternenstaub, durchflatterte das Portal und überließ es der nachfolgenden Explosion und dem Feuer, sämtliche Spuren zu vernichten.

Summm … summm … summm …

ENDE

Copyright © 2011 by Günther Kurt Lietz

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